Miteinander ohne Kirchturmdenken

In Kolbermoor: Frühjahrsempfang der Wirtschaftsverbände aus dem Mangfalltal

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Kolbermoor – Es ist Frühling, das Jahr kommt in Schwung. Auch wirtschaftlich. Der beste Zeitpunkt also für die Wirtschaftsverbände des Mangfalltals, zum Frühjahrsempfang einzuladen. Treffpunkt des traditionellen Empfangs, der heuer schon zum 27. Mal abgehalten wurde, war die Färberei des Giuseppe Cafés auf dem Spinnereigelände in Kolbermoor. Zentraler Punkt der Veranstaltung war der Vortrag von Franz Xaver Peteranderl (3.r.), dem Präsidenten der Handwerkskammer für München und Oberbayern.

Doch bevor der Gastredner an die Reihe kam, gab es kurze Ansprachen der geladenen Gäste. Manuela Mack vom Gewerbeverband Kolbermoor übernahm als zweite Vorsitzende die Begrüßung, da der 1. Vorsitzende Jürgen Ganns sein Amt niedergelegt hat. Anton Heindl, zweiter Bürgermeister von Rosenheim, appellierte an das Wir-Gefühl der teilnehmenden Ortsverbände, die gemeinsam die Region 3 im Bund der Selbständigen (BDS) bilden. „Wichtig ist, dass hier kein Kirchturmdenken einsetzt, sondern ein konstruktives Miteinander entsteht“, sagte er. „Durch diese Zusammenarbeit kann man viel fürs Gewerbe tun.“ Bad Aiblings zweiter Bürgermeister Erwin Kühnel erinnerte an die Herausforderung, in Zukunft auch Migranten in den Arbeitsmarkt besser zu integrieren. Für Christian Klotz, der für den Ortsverband Bad Aibling-Tuntenhausen sprach, ist es am wichtigsten, sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen und zu reden und nicht nur ins Internet zu schauen. „Es bringt doch nichts, wenn in jedem Ort derselbe Supermarkt entsteht“, sagte er.

Franz Bergmüller vom Gewerbeverband Feldkirchen-Bruckmühl-Aying-Irschenberg wies auf die Hürden hin, die Unternehmern heute vermehrt in den Weg gestellt werden. „Die Steuerkontrollen nehmen brutalst zu. Man wird heute nicht mehr geschützt, sondern gleich unter Generalverdacht gestellt“, schimpfte er. Sein Rat an die Anwesenden: „Wehrt Euch – die Aussichten vor Gericht sind gut.“ Auch das deutsche Bürokratiemonster und Bestimmungen wie die aus seiner Sicht völlig übertriebenen Brandschutzvorgaben stellte er an den Pranger.

Franz Xaver Peteranderl glänzte in seinem Vortrag erst einmal mit Zahlen über das Handwerk, das er als das tragenden Fundament der mittelständischen Wirtschaft bezeichnete. So waren es 2016 im Landkreis Rosenheim 24.000 Beschäftigte in Handwerksberufen, was einem Anteil von 16 Prozent entspricht und weitaus höher ist als der oberbayerische Wert von elf Prozent.

„Im Landkreis ist jedes fünfte Unternehmen ein Handwerksbetrieb“, sagte er. Der Präsident der Handwerkskammer ist sich sicher, dass ein flächendeckendes Netz aus Handwerksbetrieben die Versorgung der Bevölkerung bei minimalen Verkehrsströmen gewährleistet.

Bei allen positiven Zahlen derzeit erinnerte Peteranderl aber auch an den demografischen Wandel, der dem Land bevorsteht: „Die Altersstruktur wird sich verändern. 2029 werden über 50 Prozent der Bevölkerung in Bayern über 65 Jahre sein.“ Deshalb würde der Konkurrenzkampf um gut ausgebildete Mitarbeiter zunehmen. Ein Lichtblick wären die jungen unbegleiteten Flüchtlinge, die nach Deutschland gekommen sind. „Da wollen wir, dass die eine Ausbildung im Handwerk bekommen.“ Gerade im Handwerk sei Platz für Flüchtlinge. „Hier können Betriebe eine gute Alternative anbieten, das hat zudem eine große Integrationskraft.“ Peteranderls Ziel ist es, möglichst viele Flüchtlinge möglichst schnell in Ausbildung und Arbeit bringen. Denn sonst, so der Präsident der Handwerkskammer, würden sie den Staat Geld kosten. „Aber die Betriebe brauchen dazu die richtigen Rahmenbedingungen.“

Auch auf den Generationenwechsel in den Betrieben ging er ein: „Es is eine überlebenswichtige Aufgabe, diesen Wechsel ohne Brüche zu vollziehen. Hier steckt viel Know How drin, das uns nicht verloren gegen darf. Jede zweite Nachfolge im Handwerk passiert innerhalb der Familie.“

Ein weiterer wichtiger Punkt für ihn: Die Digitalisierung der Betriebe. Man  müsse den Breitbandausbau auch auf dem Land schnell vorantreiben, doch dafür sollten Glasfaserleitungen verlegt werden und nicht – wie noch immer – Kupferdraht.

Gute Geschäftsmöglichkeiten sieht er in den Bereichen Klimaschutz und Energiewende. „Betriebe, die zum Beispiel in der Gebäudesanierung tätig sind, haben hier sehr gute Perspektiven.“ Am Ende seines Vortrags appellierte er noch an die Verantwortlichen in der Regierung: „Der Staatshaushalt hat einen Rekordüberschuss. Das wäre der beste Zeitpunkt, die Wirtschaft zu entlasten und den Betrieben etwas zurückzugeben. Es wäre außerdem schön, wenn der Soli endlich abgeschafft werden würde. Man kann nur hoffen, dass die Steuern nicht erhöht werden.“

Nach Peteranderls Rede war der Abend allerdings noch lange nicht zu Ende. Die Gäste unterhielten sich noch lange und angeregt über das Gesagte, knüpften die eine oder andere neue Geschäftsbeziehung und waren sich einig: Abende wie dieser bringen die Wirtschaft in der Region weiter.

Foto oben: Christian Klotz (BDS-Ortsverband Bad Aibling-Tuntenhausen), Wolfgang Krebs, Peter Burgschmidt, Oliver Nowotny, Sebastian Breu, Manuela Mack (alle GVK), Erwin Kühnel (2. Bürgermeister Bad Aibling), Franz Xaver Peteranderl (Präsident der Handwerskammer München und Bayern), Peter Kajetan Schmid (GVK), Anton Heindl (2. Bürgermeister Rosenheim) (v.l.)

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