Die Angst vor dem Flachdach

Stadtrat Bad Aibling beschließt eine Änderung der Gestaltungsfibel - nicht weniger als 6° Neigung

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Bad Aibling – Viele Städte und Verwaltungen fürchten sich vor Blitzeinschlägen in Gebäude, vor Hochwasser oder Sturmschäden. Bad Aibling fürchtet sich vor noch mehr: vor Flachdächern in der Innenstadt. Da momentan der Neubau des ehemaligen Lichtspielhauses, dem Gebäude in dem der Sebastiani-Bräu untergebracht ist, zur Debatte steht (wir berichteten), will man in der Stadt auf Nummer Sicher gehen und allzu flachen architektonischen Ergüssen einen Riegel vorschieben. Eine Änderung der Gestaltungsfibel für den Aiblinger Ortskern, die am Donnerstagabend im Stadtrat beschlossen wurde, legt fest: Flachdächer sind unzulässig.

Doch so ganz in der Steinzeit will man in Bad Aibling ja auch nicht leben und so heißt es in der Beschlussvorlage: „Zum Schutz des Stadtbildes in dem Spannungsfeld zwischen Traditionserhalt und Aufgeschlossenheit für Neues hat Bad Aibling 2016 eine Gestaltungssatzung für den historischen Innenstadtbereich aufgestellt, deren Regelungen zu beachten sind. Als Vorgabe für den Wettbewerb gilt, dass die Dächer als geneigte Dächer mit mindestens 6° Neigung auszubilden. Flachdächer sind unzulässig.“

Da streiten sich die Laien und die Experten wundern sich, denn die Frage, ab wann denn ein Dach flach ist, scheint weltweit nicht abschließend geklärt zu sein. Während die Regeln in Deutschland sagen, dass alles, was unter 5° Neigung liegt, flach ist, darf’s in manch anderen Ländern bis zu 10° Neigung sein, damit es immer noch als Flachdach gilt. Bedeutet: Würde in Bad Aibling das Dach mit den erlaubten 6° gebaut, wäre es faktisch kein Flachdach – optisch schon.

Dennoch folgten die Stadtrats-Mitglieder gestern Abend der Beschlussvorlage des Hauptausschusses nahezu einstimmig, lediglich Rosemarie Matheis und Kirsten Hieble-Fritz (beide ÜWG) empfanden die mindestens 6° Neigung als immer noch nicht steil genug und stimmten dagegen.

Nun wird das Jahr 2018 zeigen, ob denn die dann angenommene Architektur für das Lichtspielhaus-Gebäude eher steil geht oder dem Rathaus-Dach ein bisschen Konkurrenz macht. Denn das ist – von der optischen Täuschung in Richtung Marienplatz abgesehen – flach wie eine Flunder.

 

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2 Gedanken zu „Die Angst vor dem Flachdach

  1. Ein fürchterliches Ungeheuer geht in Bad Aibling um, die Flachdachphobie. Dachneigungen sind Gegenstand hitziger Auseinandersetzungen. Als ob es nicht wichtigeres gäbe, zum Beispiel Fassaden. Ein angeblich geschütztes Ensemble wie die Kirchzeile hat sich in den letzten 30 Jahren sehr verändert, und nicht nur zum Besten. Da man aber den Leuten lieber aufs Dach schaut als ins Gesicht geht es vorrangig um Dachneigungen. Moderne Bauweise will man verhindern und Altes läßt man verkommen, genau mein Humor. Während ein Stadtbild prägendes Gebäude dem Verfall preisgegeben wird versucht man Neues unmöglich zu machen. Das ist ja gerade so als ob man mit einem Hammer auf Glas haut…
    Jetzt ein Dogma zu schaffen was Planung und Gestaltung von Gebäuden für Architekten einfach nur erschwert, ist nicht gut, sondern eher eine Frechheit.
    Wie sagten einst die alten Lateiner „De gustibus non est disputandum“ über Geschmack läßt sich nicht streiten. Also, mehr Vertrauen gegenüber den Architekten. Und wem es dann nicht gefällt, der soll sich einfach das Brauereigebäude am Kellerberg anschauen, da gibt’s kein Flachdach…!

    Richard Lindl

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    1. und ich dachte immer das Rathaus hätte ein Flachdach zum Glück wurden wir jetzt hier auf die die „genaue“ Definition hingewiesen
      Angst, dass man den Gehweg in Aibling nicht mehr benutzen kann ist hier dann eher zweitrangig 🙂

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