„Es lohnt sich, den Mund aufzumachen!“

Jugendliche des Kinderdorfes Irschenberg zu Gast bei der Kinderkommision im Landtag

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Irschenberg – Mitglieder des Kinder- und Jugendparlaments des Caritas Kinderdorfs Irschenberg nahmen an einer Sitzung der Kinderkommission im Bayerischen Landtag teil. Vorangegangen war der mutige Auftritt einer 13-Jährigen anlässlich des Besuchs des Präsidiums des Bayerischen Landtages im Kinderdorf.

Foto – Ein großer Tag für die Vertreter des Kinder- und Jungendparlaments des Caritas Kinderdorfs im Münchner Maximilianeum: Sozialpädagoge Thomas Gratzl, Miradie, Nicki, Hanni, stellvertretende Dorfleiterin Annette Ehnes, und Ajmal (v.l.)

Direkt nach der Schule fuhren vier Jugendliche aus dem Kinderdorf nach München ins Maximilianeum. Gemeinsam mit Annette Ehnes, der stellvertretenden Dorfleiterin und Thomas Gratzl, dem Partizipationsbeauftragten des Kinder- und Jugendparlaments folgten sie der Einladung von Tanja Schorer-Dremel. Die CSU-Politikerin ist Vorsitzende der seit 2009 bestehenden Kinderkommission des Bayerischen Landtags. Ihre Einladung ging zurück auf den gemeinsamen Besuch des Präsidiums des Bayerischen Landtags im Juli dieses Jahres. „Dort hatte Hanni uns ordentlich die Meinung gesagt“, erklärte Schorer-Dremel einführend ihren Kolleginnen in der paritätisch besetzten Kommission: Doris Rauscher (SPD), Gabi Schmidt (FREIE WÄHLER) und Gisela Sengl (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN).

Hanni (13) hatte damals einen Brief der Landtagspräsidentin Barbara Stamm geschrieben und vorgelesen, in dem sie die Politik fragte, was sie zu tun gedenkt, damit Deutschland keine Waffen mehr exportiert. Denn mit den in Deutschland produzierten Waffen würden überall Kriege geführt werden, vor denen die Menschen dann fliehen müssten auch nach Deutschland. Das sei, ihrer Meinung nach, total unlogisch. Besonders ärgert sie die Situation, dass einigen, wenn sie dann endlich hier sind, die Abschiebung droht. Wie Ajmal, der mit 15 Jahren mit seinem kleinen Bruder aus Afghanistan fliehen musste, nachdem Taliban ihren Vater, einen Pilot, wegen seiner Regierungstreue getötet und die beiden Söhne massiv bedroht hatten. Die unsichere Zukunft der beiden, die heute im Caritas Kinderdorf in Sicherheit leben, beschäftigte Hanni sichtlich. Vor der Kinderkommission hatte sie noch einmal die Gelegenheit, ihre Position deutlich zu machen und die Politikerinnen nahmen sich die Zeit, darauf einzugehen. Es folgte eine intensive Diskussion, in deren Verlauf auch die unterschiedlichen parteipolitischen Positionen deutlich wurden.

 

 

 

 

 

 

 

 

Foto – Die Mitglieder der Kinderkommission: Gabi Schmidt (FREIE WÄHLER), Florian Stigler (Büroleiter), Tanja Schorer-Dremel (CSU; Vorsitzende), Doris Rauscher (SPD; stellv. Vorsitzende) und Gisela Sengl (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) luden Vertreter des Kinder- und Jugendparlaments aus dem Caritas Kinderdorf in den Bayerischen Landtag ein (v.l.)

Hanni, Miradie und Nicki engagieren sich heute im Kinder- und Jugendparlament. Sie wurden wie die anderen Mitglieder von den Kindern und Jugendlichen des Kinderdorfs als deren Interessensvertreter gewählt. In regelmäßigen Sitzungen besprechen sie Themen wie Kinderrechte, diskutieren Ideen und Wünsche der Kinder und Gruppen und sorgen so für einen steten Informationsaustausch. Sie kümmern sich im Kinderdorf auch um das Beschwerdemanagement und planen Festivitäten und Freizeiten.

Bei ihrem Besuch der Kinderkommission hatten die jungen Repräsentanten jede Menge weitere Fragen an die Politikerinnen, die diese geduldig beantworteten. Von der Flüchtlingswelle, über Armut, Klimawandel und Umweltschutz reichte die Bandbreite der weltpolitischen Themen, die die selbstbewussten Kinderdorfkinder umtrieben. Erst ganz am Schluss kam noch ein Punkt zur Sprache, der nur sie persönlich betrifft. Nicki (13) fragte nämlich, warum sie drei Viertel ihres Lohns abgeben müssen, wenn sie in den Ferien jobben?

Kinder und Jugendliche, die sich in der öffentlichen Jugendhilfe befinden, dürfen tatsächlich nur 25 Prozent des verdienten Geldes behalten, der Rest muss abgeführt werden. So will es eine Regelung. Annette Ehnes machte deutlich, dass darunter die Eigeninitiative und Motivation der Kinder und Jugendlichen stark leiden: „Uns ist wichtig, dass alle die Möglichkeit haben, Tätigkeiten auszuprobieren und sich etwas dazuverdienen, wenn sie möchten. Der Einsatz sollte sich dann aber auch lohnen“, forderte die stellvertretende Dorfleiterin. Die Mitglieder der Kinderkommission versprachen, das Thema weiterzuverfolgen, zumal dieses wohl von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich gehandhabt wird.

Dass die Kinderkommission Kinder ernst nimmt, wurde noch einmal deutlich als die Vorsitzende Tanja Schorer-Dremel, die Sitzung mit den Worten schloss: „Ihr seht, Kinder, es lohnt sich, den Mund aufzumachen. Macht weiter so. Und vielleicht tretet ihr ja als Erwachsene eines Tages in unsere Fußstapfen. Wir brauchen Menschen wie euch.“

Foto – Florian Stigler (Büroleiter), Tanja Schorer-Dremel (CSU), Doris Rauscher (SPD) und Gisela Sengl (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) (v.l.)

Die Kinderkommission

Der Bayerische Landtag ist eines der wenigen Parlamente in Deutschland, das über eine Kinderkommission verfügt. Sie versteht sich als Ansprechpartnerin für alle Kinder, Jugendlichen und Familien sowie Einrichtungen und Organisationen, die sich für die Wahrung von deren Belangen einsetzen. Gleichzeitig sieht sie es als ihre Aufgabe, die Öffentlichkeit für die Anliegen und Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen zu sensibilisieren und ihnen eine parlamentarische Stimme zu geben. Dazu gehört, dass bei politischen Entscheidungen immer auch der Blick darauf gerichtet werden muss, welche Auswirkungen diese Entscheidungen für Kinder und Jugendliche haben.

 

Das Caritas Kinderdorf Irschenberg

Derzeit beherbergt das Caritas Kinderdorf Irschenberg rund 80 Kinder und Jugendliche, die nicht in Ihren Herkunftsfamilien aufwachsen können, sogenannte „soziale Waisen“. Die Mädchen und Buben wurden dem Kinderdorf von den Jugendämtern anvertraut, da sich ihre Eltern nicht ausreichend um deren Wohl und Erziehung kümmern können. Das 1972 gegründete Kinderdorf mit seinem sozialpädagogischen Förderzentrum und seiner heilpädagogischen Tagesstätte stellt alle notwendigen Hilfen zur Förderung und Erziehung der betroffenen Kinder zur Verfügung. Neben den stationären Wohngruppen, die das Dorfgefüge mit mehreren Häusern bilden, bieten Fachkräfte des Caritas Kinderdorfs vielfältige, ambulante Hilfsprogramme für Kinder und Jugendliche und deren Familien in den Landkreisen Miesbach, Rosenheim, Bad Tölz und Traunstein.

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