Bad Aibling: Die Lüge mit der Nachhaltigkeit

Interview mit Filmemacher Werner Boote, dessen neuer Film „Die grüne Lüge" derzeit im Aibvision zu sehen ist

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Bad Aibling – Ein Film legt den Finger in die Wunden: Mit „Die Grüne Lüge“ präsentiert der österreichische Doku-Spezialist Werner Boote („Plastic Planet“, „Population Boom“, „Alles unter Kontrolle“) eine Dokumentation, die sich dem Thema „Greenwashing“ widmet. So nennt man die Versuche der Konzerne, ihre Produkte durch fragwürdige Siegel als umweltfreundlich und nachhaltig zu präsentieren. „Die Grüne Lüge“ läuft derzeit im Aibvision und ist Pflichtprogramm für alle Menschen, denen unser Planet und die Machenschaften vieler Konzerne nicht egal sind. Wir sprachen mit Regisseur Werner Boote.

Herr Boote, wie kommt man als Filmemacher auf das Thema „Greenwashing“?

Nun, den ersten Ausschlag gab mein Produzent im Jahr 2010. Er hat angeregt, einen Film über „nachhaltige Konzerne“ zu machen. Also habe ich begonnen zu recherchieren und bin auf keinen einzigen Konzern gestoßen, der mich nachhaltig beeindrucken konnte. Dann kam auf der Berlinale im Rahmen einer Präsentation von „Plastic Planet“ ein Mann auf mich zu, der sich als „Prädikat- und Siegel-Hersteller“ vorstellte. Er schlug mir vor, dass ich meinen nächsten Kinofilm mit dem Prädikat „CO2-neutraler Film“ versehen soll.

Und, haben Sie es bekommen?

Also, ich habe ihm gesagt, dass das doch nicht funktionieren würde. Schließlich fliege ich für die Dreharbeiten meiner Filme viele Meilen mit dem Flugzeug um die Welt. Da sagte er mir, das sei doch kein Problem. Für 3000 Euro könnte ich das Siegel von ihm haben und auch verwenden. Und das war für mich dann der Moment, an dem ich begann, mit „Die Grüne Lüge“ loszulegen.

Foto: Kathrin Hartmann und Werner Boote im Gespräch mit einem Häuptling in Brasilien (Filmszene) © Little Dream Entertainment

 

Erstmals sind sie in diesem Film nicht alleine vor der Kamera. Mit der Journalistin und Buchautorin Kathrin Hartmann ziehen sie im Duo los. Wie kam das zustande?

Ich kannte Kathrin Hartmanns Buch „Das Ende der Märchenstunde“ und habe sie vor einigen Jahren bei einer Fernseh-Diskussion kennengelernt. Etwa drei Monate später hatte ich die Idee, dass wir den Film gemeinsam machen könnten. Ich habe bei ihr angefragt – und sie hat zugesagt.

In „Die Grüne Lüge“ sind die Rollen klar verteilt: Sie spielen den eher naiven unbedarften Interviewer, Kathrin Hartmann ist die Aufgeklärte. Wie im richtigen Leben?

Nun, das eine oder andere habe ich schon gewusst. Ich habe ja auch für den Film recherchiert. Doch es war von Anfang an klar, dass ich den Depp spiele, und sie die G’scheite (lacht). Es war aber schon interessant: Durch meine Rolle wurde ich in die Zeit zurückversetzt, als ich noch ein „Konsumidiot“ war.

Wie war die Zusammenarbeit während der Dreharbeiten: Haben sie als Team sofort funktioniert oder war’s eher problematisch?

Nein, das war alles gut. Wir haben uns gut ergänzt. All unsere Dialoge sind spontan. Wir sind bei den Interviews aus beiden Richtungen gekommen. Das ist ganz gut zu sehen, als wir den Vertreter der Palmölindustrie interviewt haben. Kathrin war der „Bad Cop“ und hat ihn mit aggressiven Fragen bedrängt. Da hat er sich immer mehr mir zugewandt, und als ich – der vermeintlich Gute – ihn dann auch noch angegangen bin, wusste er gar nicht mehr, wie er sich verhalten sollte.

Mit Ihrem Film stoßen Sie ja in mehrere Wespennester. Sie zeigen unter anderem auf, dass es keine nachhaltige Palmöl-Produktion geben kann, sie entlarven die Pseudo-Umweltverträglichkeit von Elektro-Autos und zeigen, wie BP nach der Bohrinsel-Katastrophe von „Deepwater Horizon“ das ausgelaufene Öl nicht wirklich entfernt hat. Wurden Sie deshalb schon gestochen?

Zum Glück nein. Wir haben die Recherche-Ergebnisse unseren Anwälten zur Prüfung gegeben. Da ist alles sicher. Außerdem halten sich die Konzerne heutzutage mit Klagen zurück. Denn sie wissen, dass sich da das Blatt schnell wenden kann und der Zeigefinger plötzlich auf sie selber zeigt. Was aber auffällig war: Viele Firmen wollten den Film so schnell wie möglich und vor der Veröffentlichung sehen.

Gab es Themen und Interviews, die letztendlich nicht im Film zu sehen sind?

Oh ja. Wir haben 120 Stunden Drehmaterial gesammelt. Es gibt viele Interviews, die es nicht in den Film geschafft haben. Zu Beginn haben wir – Kathrin, unser Rechercheteam und ich – Greenwashing in jeder einzelnen Branche unter die Lupe genommen. Mir fiel auf, dass die Methoden der Konzerne überall dieselben sind. Also wählte ich jene, bei denen sich viele Methoden gut zeigen lassen. Dadurch wird im Film zum Beispiel die Textilbranche nur kurz angesprochen. Aber auch dort funktionieren die grünen Lügen auf die gleiche Weise. Auch dort wird umweltschädigend produziert und Menschen werden ausgebeutet.

Sie haben lange für diesen Film recherchiert, vieles gewusst und noch mehr gesehen. Was hat Sie da am meisten beeindruckt?

Ja, wir hatten den Luxus, lange dafür zu recherchieren. Das Recherche-Team hat mir vier Jahre lang zugearbeitet. Am meisten war ich wohl bewegt, als ich auf der verkohlten Erde des abgebrannten Regenwalds stand. Eine Wüste, auf der vor wenigen Tagen noch lebendiger Urwald mit Pflanzen- und Tiervielfalt war. Das hat mich wirklich ergriffen und auch wütend gemacht. Mich ärgert da vor allem, dass diese Machenschaften vom System hervorgerufen sind.

Jetzt sind Sie ja nicht einer, der eben mal wieder einen Film gedreht hat. Sie wollen mit Ihren Dokus ja auch etwas erreichen. Was erhoffen Sie sich da mit „Die Grüne Lüge“?

Nachdem „Plastic Planet“ in die Kinos kam, sind viele Aktionen entstanden. Das Thema Plastik ist in das Bewusstsein der Leute gerückt, viele Menschen versuchen heute, Plastik so gut es geht, zu vermeiden. Manche verweigern Plastik komplett. „Die Grüne Lüge“ geht noch weiter. Denn es geht nicht mehr nur drum, sein Konsumverhalten zu überdenken. Das ganze System muss verändert werden, die Macht der Konzerne muss eingedämmt werden.

Was hat der Film bei Ihnen selbst bewirkt?

Bei mir hat sich der Gedanke „mit meinem Kaufverhalten kann ich die Welt retten“ geändert. Das reicht nicht. Wir müssen raus aus dem „Konsumidiotendasein“. Wir sind mündige Bürger und Bürgerinnen und haben ein Recht darauf, dass alle Produkte ökologisch und sozial gerecht hergestellt werden müssen. Für mich ist daher die Erkenntnis gekommen, dass man selbst aktiver werden muss, um etwas zu erreichen. In Österreich habe ich jetzt einen Gesetzesantrag zum Verbot von Plastikflaschen eingereicht.

Gibt es sonst schon Dinge, die durch „Die Grüne Lüge“ ins Rollen gebracht wurden?

Wir stehen ja erst am Anfang. In Österreich hatte der Film bereits 50.000 Zuseher, was ein großer Erfolg ist. Jetzt starten wir in weiteren Ländern wie Deutschland, Frankreich, USA oder auch in Südamerika. Da bin ich mal gespannt. Und nachdem der Film in Graz gezeigt wurde, haben sich dort die Betreiber des Café Mitte dazu entschlossen, keine Produkte mehr von Procter & Gamble, Nestlé und Unilever zu verwenden. Viele Menschen lassen sich die grünen Lügen nicht mehr bieten.

Welche weiteren Filmprojekte bewegen Sie derzeit?

Ich arbeite momentan an vier verschiedenen Ideen. Da kann ich noch nichts dazu sagen. Ich muss auch erst mal schauen, was dann das nächste Projekt wird.

Auch wieder eine Doku oder darf’s auch mal ein Spielfilm sein?

Das Format ist mir da eigentlich egal. Man kann in einer Doku viel Inhalt rüberbringen. Doch konkret arbeite ich auch an einem Thema, das besser als Spielfilm funktioniert. Mir ist es eben wichtig, dass ein Film gesellschaftsrelevant ist und etwas bewirkt und ich nicht nur 90 Minuten Filmmaterial belichtet habe.

Vorstellungen im Aibvision:

Dienstag, 17. April: 20 Uhr
Mittwoch, 18. April, 20 Uhr
Samstag, 21. April, 19.50 Uhr
Sonntag, 22. April, 16.50 Uhr

 

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