„Gesunder Geist – Gesundes Leben – Depression bewältigen“

Podiumsdiskussion im Bildungswerk Rosenheim

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Rosenheim – Kürzlich initiierte Landtagsabgeordneter Klaus Stöttner im Bildungs- und Pfarrzentrum Rosenheim eine Podiumsdiskussion zum Themenbereich Depression. Sein Ziel war es, über die Krankheit zu informieren und dazu beizutragen, die oft noch vorhandene gesellschaftliche Stigmatisierung und Diskriminierung weiter abzubauen.

Foto v.l.: Siegfried Zimmermann (Dipl. Sozialpäd. (FH), Fachdienstleitung Sozialpsychiatrischer Dienst, Caritas); Klaus Stöttner, MdL; Prof. Dr. med. Peter Zwanzger (Ärztlicher Direktor & Chefarzt, kbo-Inn-Salzach-Klinikum gGmbH);  Prof. Dr. Ulrich Voderholzer (Ärztlicher Direktor & Chefarzt des Fachzentrums Psychosomatik in der Schön Klinik Roseneck); Prof. Dr. Dr. Martin Keck (Vorstandsvorsitzender des Münchner Bündnis gegen Depression e.V.); Armin Rösl (Journalist & Betroffener, Vorstandsmitglied der Deutschen DepressionsLiga e.V.)

Die Einführung ins Thema sowie die Moderation lagen in den Händen des Ärztlichen Direktors und Chefarztes des kbo-Inn-Salzach-Klinikums in Wasserburg am Inn, Prof. Dr. Peter Zwanzger. Professor Zwanzger hat sich nicht nur in Wissenschaftskreisen einen Namen gemacht, sondern auch mit vielen eigenen Veranstaltungen und Angeboten für Angehörige dazu beigetragen, Vorurteile gegenüber psychischen Erkrankungen auszuräumen.

Depression gut zu behandeln

Viele Vorurteile konnte bereits der Journalist und Betroffene Armin Rösl ausräumen. Er machte deutlich, dass eine Depression gut behandelbar ist und ein glückliches Leben möglich ist. Rösl ist Redakteur beim Münchner Merkur und war vor einigen Jahren selbst von einer Depression betroffen. „Ich bin der lebende Beweis dafür, dass es möglich ist, aus der Depression herauszukommen.“, so Rösl. Der Journalist hat seine persönliche Geschichte aufgeschrieben und diese im OVB / Münchner Merkur veröffentlicht. Er will damit und in seiner Funktion als Vorstandsmitglied der „Deutschen DepressionsLiga e.V.“, Mut machen und Betroffenen das Gefühl geben, dass sie nicht alleine sind.

Die Bedeutung dieses Engagements unterstrich auch Prof. Dr. Dr. Martin Keck, der Vorstandsvorsitzende des „Münchner Bündnis gegen Depression e.V.“. Professor Keck dankte Klaus Stöttner ausdrücklich dafür, dass er sich dieses Themas angenommen habe.

Forschung hat noch Nachholbedarf

Doch nicht nur das „darüber reden“ und der Abbau der Stigmatisierung psychischer Erkrankungen sei wichtig, sondern auch wissenschaftliche Fortschritte. Der Direktor der Klinik und Chefarzt des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie warb dafür, mehr Anstrengungen zu unternehmen, Depressionen genauer zu erforschen. „Es gibt viele verschiedene Ausprägungen dieser Erkrankung, doch heutzutage werden die meisten zunächst einfach gleich behandelt.“, so Prof. Dr. Dr. Martin Keck. Besonders wichtig wäre es Professor Keck, die Zusammenhänge psychischer Erkrankungen mit weiteren Erkrankungen tiefgreifender zu erforschen. Denn ihm zufolge hätten Patienten, die an Depressionen leiden, ein bis zu doppelt so hohes Risiko, an weiteren Krankheiten zu erkranken. Möglicherweise können solche Zusammenhänge bereits im Mutterleib entstehen.

Professor Zwanzger machte daraufhin noch einmal deutlich, wie wichtig daher die enge Zusammenarbeit und Verknüpfung von Kliniken und Wissenschaft ist. Doch nicht nur die Vernetzung mit der Wissenschaft, sondern auch mit Trägern vor Ort, wie beispielsweise der Caritas, sind für die bestmögliche Behandlung von Patienten entscheidend.

Caritas als Ansprechpartner

Siegfried Zimmermann ist Sozialpädagoge und hat die Fachdienstleitung des Sozialpsychiatrischen Dienstes der Caritas in Stadt und Landkreis Rosenheim inne. Er berichtete, dass Depression die häufigste Diagnose der Patienten sei, die von den etwa 45 Mitarbeitern der Caritas betreut werden. Die Caritas möchte für Hilfesuchende leicht zugänglich sein und schnellstmöglich Zugang zum ärztlichen System herstellen. Laut Zimmermann geht es oftmals auch darum, Wartezeiten zu überbrücken, bis ein Termin bei einem Psychotherapeuten verfügbar ist.

Die Caritas kümmert sich neben den Patienten auch um die Angehörigen und bietet verschiedene Beratungsangebote für die Patienten und ihre Familien an. Die Einbeziehung der Angehörigen sei auch für den Therapieerfolg sinnvoll. Darüber hinaus werden unter anderem auch Selbsthilfegruppen betreut.

Therapie auch online möglich

Im abschließenden Teil hatten auch die Zuhörer die Möglichkeit, mündlich oder schriftlich Fragen an die Experten zu stellen. Thema waren unter anderem Online-Therapiemöglichkeiten. Professor Voderholzer stellte das Angebot „MindDoc“ der Schön Klinik vor. Diese Online-Therapie mit psychologischen Psychotherapeuten der Schön Klinik ist bequem von zuhause, ohne Wartezeiten und Anfahrt möglich. Diese Online-Therapie ist zwar nicht für jeden geeignet, könne aber sehr hilfreich sein, wenn jemand nicht die Möglichkeit hätte, einen Therapeuten aufzusuchen, beispielweise wegen der Betreuung von Angehörigen oder auch wegen regional schlechter Versorgung mit Therapeuten. Voraussetzung für die Online-Therapie ist laut Professor Voderholzer ein einmaliges Face-to-Face Erstgespräch für umfassende Diagnostik, Indikationsstellung, Aufklärung und Therapiedurchführung.

Auch die Rolle von Schweizer Sterbehilfeorganisationen wie Dignitas oder Exit wurden beleuchtet. Prof. Dr. Dr. Keck sieht diese als großes Problem, denn der Wunsch zu Sterben von Depressiven entsteht aus tiefster Verzweiflung und ist kein „Freitod“. Ersichtlich wird dies durch die Tatsache, dass über 90 Prozent der Betroffenen vier Wochen nach einem Suizidversuch diesen nicht mehr nachvollziehen können und froh darüber sind, am Leben zu sein.

Wie geht man mit Betroffenen um?

Darüber hinaus wurde darüber diskutiert, wie man als Freund oder Kollege damit umgehen soll, wenn man Anzeichen für eine Depression zu erkennen glaubt oder sich Sorgen um die Person macht. Es kommt selbstverständlich immer auf den Einzelafll an, Armin Rösl sagte jedoch, er hätte es sich gewünscht, dass ihn jemand angesprochen hätte. Auch die übrigen Podiumsgäste ermutigten die Zuhörer zu einer offenen Kommunikation zwischen Betroffenen und deren Umfeld.

Der Ärztliche Direktor und Chefarzt des Fachzentrums Psychosomatik in der Schön Klinik Roseneck, Prof. Dr. Ulrich Voderholzer nannte noch einige weitere Beispiele, wie Alkoholismus oder eine Essstörung: „Jeder sieht, dass etwas nicht stimmt, aber keiner etwas sagt.“ Hier und bei psychischen Erkrankungen wäre es wichtig, dass zumindest vertraute Personen versuchen, mit den Betroffenen zu sprechen.

Zur Problematik, dass es oftmals sehr lange dauert, bis ein Betroffener die richtige Behandlung bekommt, sagte Siegfried Zimmermann, dass dies nicht nur am derzeitigen System liege, sondern vor allem auch an der Komplexität der Erkrankung. Laut Zimmermanns Aussage habe sich in den letzten Jahren jedoch schon viel verbessert und er beobachte oftmals eine gute Zusammenarbeit zwischen Ärzten, Therapeuten und weiteren Akteuren.

„Klinik hat mir das Leben gerettet!“

Darüber hinaus war auch die Bedeutung von Zusatzangeboten neben der Gesprächstherapie ein Thema. Der erfolgreich behandelte Armin Rösl schätzt Sport, Bewegung an der frischen Luft, autogenes Training und vieles mehr als sehr sinnvoll ein und hat sich auch einiges davon in seinem Tagesablauf behalten. Doch er sagt auch: „Die Klinik hat mir das Leben gerettet.“ Rösl ist sehr froh, dass ihm bei seinem 6-wöchigen Klinikaufenthalt von Spezialisten geholfen wurde und nahm den Zuhörern die Angst vor einer stationären Behandlung. Auch er hatte große Vorbehalte, doch schon nach kurzer Zeit konnte er feststellen, dass der Alltag nicht nur trist und grau war, sondern auch Freude zu spüren war und die Mitpatienten nach und nach ihre Fähigkeiten zurückerlangten.

Die Frage, ob es Unterschiede zwischen den Geschlechtern gebe, beantwortete Prof. Dr. Voderholzer von der Schön Klinik in Prien am Chiemsee. Grundsätzlich gebe es keine großen Unterschiede, jedoch könne man bei Männern oftmals beobachten, dass sie sich noch ein Stück weit schwerer tun, über ihre Beschwerden zu sprechen. Sie versuchen länger ein „Fassade aufrecht zu erhalten“ und leider daher öfters an versteckten Depressionen. Dementsprechend ist auch die Selbstmordrate unter Männern höher. Bei Frauen spielen laut Professor Voderholzer Hormonveränderungen eine stärkere Rolle. Die Geburt eines Kindes, bestimmte Zyklusphasen oder die Menopause seien einschneidende Ereignisse, die Frauen aus dem Gleichgewicht bringen könnten.

Nachdem noch viele weitere Fragen beantwortet werden konnten, dankte Professor Zwanzger noch einmal Klaus Stöttner für seine Initiative und bat ihn, sich dafür einzusetzen, dass noch mehr Therapieplätze zur Verfügung gestellt werden können.

Im Anschluss an die Diskussion stellten Prof. Dr. Voderholzer und zwei seiner Kollegen die Wanderausstellung „LebensBilderReise – Aktiv gegen Depression“ vor. Die Ausstellung zeigt Bilder von Patientinnen und Patienten der Schön Klinik Roseneck, die diese während ihres Aufenthaltes in der Klinik geschaffen haben. Die Wanderausstellung, die von den anwesenden Ärzten der Schön Klinik erstellt wurde, wird vom Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit und Pflege bayernweit verliehen.

Klaus Stöttner zeigte sich sehr dankbar, dass sich die Referenten die Zeit genommen hatten und so viele interessierte Zuhörer seiner Einladung gefolgt waren. Er werde seine Veranstaltungsreihe im Bildungswerk im nächsten Jahr fortsetzen und nach den Themen Sterbehilfe, Organspende und Depressionen wieder ein Thema aussuchen, das sehr wichtig, aber nicht immer im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung stehe.

 

 

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