Bad Aibling: Ein gemeinsames Gesicht

Rund 1000 Teilnehmer bei der Kundgebung „AIB zeigt Gesicht" - Felix Schwaller sprach doch

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Bad Aibling – „Wir sind nicht gegen etwas – wir sind für etwas!“ Dieser Satz zog sich wie ein roter Faden durch einen ganz besonderen Sonntagnachmittag auf dem Marienplatz in Bad Aibling. Fast jede Rednerin und jeder Redner auf der Kundgebung „AIB zeigt Gesicht“ bemühte sich, klar zu machen, dass nur Toleranz und Nächstenliebe und nicht Hass der Weg sein kann, um in Bayern, in Deutschland oder sonstwo auf der Welt friedlich nebeneinander zu leben.

Foto: Zuerst im Publikum, dann auf der Bühne – Bürgermeister Felix Schwaller, eingerahmt von den Stadträtinnen Petra Keitz-Dimpflmeier (l.) und Martina Thalmayr 

Eine Botschaft, die die Menschen einte und ihnen ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl vermittelte. Und es waren viele, die an diesem strahlend schönen Nachmittag den Weg in das Herz der Stadt gefunden hatten. Hofften die Veranstalter des Aktionsbündnisses „AIB zeigt Gesicht“ im Vorfeld noch auf 500 Zuhörer, so wurden ihre Erwartungen bei weitem übertroffen – zeitweise zeigten über 1000 Personen auf dem prall gefüllten Platz Gesicht und demonstrierten allen Hetzern aus dem rechten Lager: Wir sind mehr!

Wuchs in den Tagen vor dieser Kundgebung immer mehr die Befürchtung, dass diese anfangs neutral und gut gemeinte Veranstaltung von linksextremen Gruppierungen vereinnahmt werden könnte, so widerlegte die Realität dann derartige Gedanken. Es waren tatsächlich die Bürger der Stadt, Vereine und Organisationen, die hier etwas Einzigartiges zustande brachten: Ein gemeinsames klares Bekenntnis für Werte wie Anstand, Respekt, Toleranz und Vielfalt, ohne in linke Parolen zu verfallen. Das Ganze dabei völlig gewaltfrei und friedlich. Die anwesende Polizei verlebte einen entspannten Nachmittag und schob während der dreieinhalb Stunde eine ruhige Kugel.

Diese Stimmung des harmonischen Miteinanders übertrug sich während des langen Nachmittags auf alle Besucher. Auch auf Bad Aiblings Bürgermeister Felix Schwaller, der sich zuerst ohne großes Aufsehen unters Publikum mischte, nachdem er in der vergangenen Woche entschieden hat, kein Grußwort zu sprechen, weil er sich „nicht vor einen Karren spannen“ lassen wollte (wir berichteten). Mehr noch: Er empfahl den Bürgern noch am vergangenen Freitag, der Kundgebung fernzubleiben.

Doch das Stadtoberhaupt zeigte Einsicht und Größe: Zuerst hielt Felix Schwaller umrahmt von den Stadträtinnen Petra Keitz-Dimpflmeier (SPD) und Martina Thalmayr (Grüne) ein Transparent in die Höhe (Foto oben) und schließlich betrat er am Ende der Veranstaltung doch noch die Bühne, um den Zuhörern mitzuteilen: „Ich muss mich entschuldigen – ich habe vor der Veranstaltung Angst gehabt, dass die Kundgebung aus dem Ruder läuft. Doch das Gegenteil ist eingetreten. Deshalb rede ich hier gerne zu Ihnen. Bad Aiblings Bürger haben gezeigt, dass sie zusammenstehen und dass sie eine großartige Sache auf die Beine stellen können. Ich bin stolz auf Euch und stolz, Teil dieser Stadt zu sein.“ Schwaller, der sich spontan zu dieser Rede entschied, sagte auch: „Ich weiß, dass das jetzt einige als Steilvorlage nutzen werden und dass ein Kleinkrieg gegen mich geführt wird – doch das nehme ich auf mich.“ Für seine ehrlichen Worte und den Mut, einen Irrtum zuzugeben, erntete der Bürgermeister tosenden Applaus.

Schwallers Überraschungsauftritt war sozusagen das i-Tüpfelchen auf einem bemerkenswerten Tag. Witzig, pointiert und mit viel ironischem Biss führte Moderator Richard Lindl durch ein Programm, das keine Langeweile aufkommen ließ. Ein gelungener Mix aus Rednern und Musikacts hielt die Zuhörer bei Laune und gab ihnen vor allem eines: Ein gutes Wir-Gefühl, das den Anwesenden glaubhaft vermittelte – es ist nicht links, wenn man gegen rechts ist, sondern normal.

Denn wenn auch, wie eingangs erwähnt, dieses „Für etwas sein“ die inhaltliche Klammer der Veranstaltung war, so wusste doch jeder, warum die Kundgebung überhaupt initiiert wurde und dass es natürlich doch einen gemeinsamen Gegner gibt: die AfD. Als die Rechtspartei vor einigen Wochen eine Wahlkampfveranstaltung mit der Bundestagsabgeordneten Alice Weidel im Kurpark ankündigte, formierte sich unter den Aiblinger Bürgern Widerstand. Der Gedanke: Wir machen eine Gegenveranstaltung und zeigen der ganzen Region und der ganzen Welt, dass wir mehr sind. Und so richteten sich auch viele Worte, die von der Bühne kamen, ganz klar gegen die AfD. Oft witzig, manchmal bissig und immer deutlich.

Das Mikrofon wurde dabei in ganz unterschiedliche Hände gegeben. Ob Politiker wie Florian Ritter (SPD), Eva Bulling Schröter (Linke) und Martin Kobel (Grüne) oder Barbara Kleeblatt vom Kreis Migration, Mitglieder der jungen Theatergruppe Bad Aibling oder die beiden Aiblinger Pfarrer Georg Neumaier (kath.) und Markus Merz (ev.) – sie alle schafften es, sich einerseits klar von rechten Gesinnungen und Meinungen zu distanzieren und andererseits immer wieder zu einem friedlichen toleranten Miteinander aufzurufen. Dies konnten Gläubige an diesem Abend übrigens gleich gemeinsam tun: Stadtpfarrer Georg Neumaier lud die Anwesenden um 19 Uhr zu einem ökumenischen Friedensgebet in die Willinger Kirche ein. Ob dieser Ort bewusst so gewählt war? Denn die besagte AfD-Wahlkampfveranstaltung fand zur gleichen Zeit ein paar hundert Meter weiter im Willinger Gmoahof statt.

Durchsetzt waren die Redebeiträge von musikalischen Einlagen aller Art. Ob metallische Klänge von der Band Scavanger, trancige Dub-Klänge von Interstellare Kommunikation, deutscher HipHop von Roger Rekless, Liedermacher-Klänge von Eva Niedermeyer, Ralf und Bene von Vait, Christina Hartmann oder von Werner Schmidbauer – hier wurde fast jeder Geschmack bedient. Und es war ein würdiger musikalischer Rahmen für einen Nachmittag im Herzen der Stadt, der zeigte: wenn es darum geht, eine klare Botschaft in die Welt zu tragen und Haltung zu zeigen, dann sind Bad Aiblings Bürger trotz aller möglicher Unterschiede eine Einheit.

Impressionen vom Marienplatz

 

 

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