Brücken bauen zwischen den Arbeitswelten

Wendelstein Werkstätten in Raubling und Firma Schattdecor in Thansau zeigen gelebte Integration von Menschen mit Behinderungen

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Raubling/Thansau – Menschen mit Behinderungen haben es auf dem Arbeitsmarkt immer noch schwer. Viele Arbeitgeber scheuen sich vor der Herausforderung und möglichen bürokratischen Hürden. Dabei können Arbeitnehmer mit Handicap den Betrieb in vielen Punkten bereichern. Der stellvertretende Landrat Josef Huber hatte in Zusammenarbeit mit Jakob Brummer von der Fachstelle Inklusion und der Wirtschaftsförderstelle am Landratsamt Rosenheim Unternehmerinnen und Unternehmen sowie Fachleute aus Behörden und Verbänden zu einer Informationsfahrt eingeladen, einschließlich Firmenbesichtigungen. Etwa 40 Interessierte waren der Einladung gefolgt.

 

Nach der Begrüßung durch den stellvertretenden Landrat Dieter Kannengießer (Foto M.) war der erste Halt bei den Wendelstein Werkstätten der Caritas in Raubling. Rund 600 Menschen mit Behinderungen arbeiten derzeit an den Standorten der Wendelstein Werkstätten, 200 davon in Raubling. Je nach Neigung arbeiten sie in verschiedenen Bereichen. Johann Irlbeck (Foto r.) von den Wendelstein Werkstätten führte die Interessierten zunächst in die Wäscherei. „Die Arbeit hier hat einen gewissen Druck, weil die Wäsche gemacht werden muss“, sagte Irlbeck. Gearbeitet wird in Teams von 12 Personen und einem Gruppenleiter. Der Gruppenleiter sorgt dafür, dass die Arbeit so aufgeteilt wird, dass sie gut zu bewältigen ist, erzählt Irlbeck. Die Wäscherei arbeitet für zahlreiche Kunden. Auch die Firma Stangelmayer Textilservice GmbH vergibt einige Aufträge an die Wäscherei. „Das funktioniert sehr gut“, bestätigte Gerhard Stangelmayer.

 

Anschließend ging es weiter in die Schreinerei. „Hier werden verschiedene Produkte in großer Stückzahl und extremer Passgenauigkeit produziert“, sagt Irlbeck. Ein großer Teil der Produkte, die hier entstehen, sind hochwertige Designermöbel und Accessoires der Linie „Side by Side“. Unter anderem werden Wäscheständer, Schuhregale oder auch Bügelbretter hergestellt. „Eine Ladung mit 40 Paletten Wäscheständern ist gerade auf dem Weg nach Japan“, erzählt Irlbeck, als die Führung bei der Montagegruppe ankommt. Bevor die Produkte die Werkstätten verlassen, durchlaufen sie in die Kontrolle. „Wir wollen keine Reklamationen und wir haben so gut wie keine“, sagt Irlbeck.

Danach ging es für alle mit dem Bus weiter nach Thansau zur Firma Schattdecor AG. Das Unternehmen ist Weltmarktführer bei der Herstellung von bedruckten Oberflächen. Weltweit beschäftigt Schattdecor rund 2.300 Mitarbeiter. In der Firmenzentrale in Thansau arbeiten rund 450 Menschen, davon 25 Mit schweren Behinderungen.

Begrüßt wurden die Exkursionsteilnehmer von den Personalverantwortlichen und von Felix Hahn. Der junge Mann sitzt im Rollstuhl und hat bei Schattdecor eine Ausbildung zum Industriekaufmann gemacht. Nach der Ausbildung wurde er übernommen und arbeitet nun am Empfang und in der Personalentwicklung. Damit er jeden Arbeitsbereich barrierefrei erreichen kann, hat das Unternehmen für ihn im Gebäude umgebaut. „Wenn der Wille von beiden Seiten da ist, dann sind die Hürden schon weg“, erzählt Hahn.

Mit Christine Terla, die in der Musteranfertigung arbeitet und Simon Thiel aus dem Warenversand, stellten sich zwei weitere Mitarbeiter mit Handicap vor. Beide arbeiten auf sogenannten Außenarbeitsplätzen.

 

Foto: Teamleiter Andreas Wagner, Christine Terla und Ruth Röder von der Stiftung Attl (v.l.)

Derzeit arbeiten 24 Beschäftigte der Inntal-Werkstätten bei verschiedenen Firmen in der Region, sagt Ruth Röder, die bei der Stiftung Attl für diesen Bereich zuständig ist. „Das klappt nur durch die Bereitschaft auf beiden Seiten sich darauf einzulassen“, sagt Röder. Die beiden Mitarbeiter bei Schattdecor gehören seit acht Jahren zum festen Stamm. Christine Terla stellt Musterplatten für Kunden her. „Tine ist zuverlässig, sehr fleißig, engagiert und sehr genau bei ihrer Arbeit“, schwärmt Teamleiter Andreas Wagner von seiner Kollegin. „Wir geben Dich nicht mehr her und sind sehr froh, dass wir Dich haben.“

 

Alfred Köstler gehört zu jenen Mitarbeitern mit Handicap die direkt bei Schattdecor angestellt sind. Er ist seit 1991 beim Unternehmen. Bis zu seinem Unfall arbeitete er in der Produktion. Seit seinem Unfall 2010 ist er auf den Rollstuhl angewiesen und arbeitet nun in der Warenannahme. Er sei von Anfang an stark von Schattdecor unterstützt worden, in allen Bereichen, erzählt Köstler. „Schatt hat sogar bei der Wohnungssuche geholfen.“

Menschen mit Behinderungen zu beschäftigen, ist ein Mehrwert für alle, sagte Korbinian Heiß, Leiter Personal International und Personalentwicklung. „Die Berühungsängste verschwinden, der Umgang zwischen behinderten und nicht behinderten Kollegen untereinander ist völlig normal geworden. Ich kann es nur weiterempfehlen, wenn man bereit ist, die Hürden zu nehmen.“  Das Unternehmen hat sich den Mitarbeitern mit Behinderungen angepasst und ist inzwischen komplett barrierefrei.

Unternehmen, die überlegen Menschen mit Behinderungen zu beschäftigen, werden Rat und Unterstützung angeboten. Astrid Schneider, Leiterin der Rehaabteilung an der Agentur für Arbeit, und Agnes Lang vom Integrationsfachdienst informierten die Interessierten über Fördermöglichkeiten und weitere Unterstützungen. Wie Astrid Schneider sagte, greifen diese Maßnahmen sehr gut. Die Integrationsquote allein bei Auszubildenden liegt aktuell bei rund 50 Prozent. Auch die Zahl der schwerbehinderten Arbeitslosen ist zurückgegangen. „Wir haben einen sehr großen Fachkräftemangel, so das Firmen auch schwächeren Menschen eine Chance geben. Viele merken oft erst hinterher, was für eine Perle sie sich da an Land gezogen haben“, so Schneider.

 

 

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