Bad Aibling: Ein Fest der Filme und Gespräche

Veranstalter und Publikum begeistert von der 12. Nonfiktionalen - Preis geht an „Himmelverbot"

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Bad Aibling – Die Gesprächskultur ist, neben dem thematischen Fokus und der Freiheit bezüglich Filmlänge und Produktionsjahr, sicherlich eine wesentliche Besonderheit des Aiblinger Dokumentarfilmfestivals Nonfiktionale. Und so nahm auch in der 12. Festivalausgabe das Reden über die Filme entsprechend viel Raum ein. Alles drehte sich heuer um das Motto „echt wahr?!“, das Sprungbrett für inspirierende und spannende Diskussionen zwischen Filmemachern, Publikum und Moderatoren war.

Foto: (Reihe oben, Jury:) Mechthild Barth, Mark Stoehr, Thomas Haemmerli, (Reihe unten, Preisträger:) Andrei Schwartz, Friederike Güssefeld, David Siegers (Editor von „Souvenir“), v.l.

Am Sonntagabend senkte sich mit dem Ende der festlichen Preisverleihung dann der Vorhang der Nonfiktionale. Siebzehn Filme aus Deutschland, Österreich und der Schweiz standen im Wettbewerb. Leicht war es für die Jury – bestehend aus der Editorin und Dramaturgin Mechthild Barth, dem Filmemacher und Autor Thomas Haemmerli  und dem Autor und Festivalkurator Mark Stoehr – keineswegs, doch am Ende standen zwei Entscheidungen.

Der diesjährige Nonfiktionale-Preis der Stadt Bad Aibling in Höhe von 2.000 EUR geht an „Himmelverbot“ von Andrei Schwartz.

Die Begründung der Jury:

Regisseur Andrei Schwarz befreundet sich mit Gavriel, einem Mörder, den er immer wieder im Gefängnis in Bukarest dreht. Gavriel ist sympathisch, und man hofft mit ihm auf seine Entlassung. Er hat alles, was ein Hochstapler braucht: Geschichten, Überzeugungskraft und einen eigentümlichen Charme, dem man sich auch dann nicht entzieht, als der Mann als kleiner Lügner und Lump entlarvt ist. Andrei Schwartz hat es geschafft, den Geschichten, die Gavriel um sich selbst kreiert, nicht den Vorrang zu geben vor dem, was an Gavriel wahrhaftig ist. Die Frage “echt wahr?” wird hier in ihrer ganzen Konsequenz aufgefächert: Es ist nicht immer vorrangig der Wahrheitsgehalt, der einem dazu verhilft, die Wahrheit zu spüren.

 

Zusätzlich zum Hauptpreis gab es eine lobende Erwähnung für „Souvenir“ von André Siegers.

Die Begründung der Jury:

Ein Mann überlässt dem Regisseur 400 Videokassetten von seinem Reisen um die Welt im Auftrag einer NGO. Daraus entsteht das Bild eines Ironikers, der zwischen Eitelkeit, Einsamkeit und dem Drang, etwas zu hinterlassen. changiert. Das überbordende Material wird durch eine fiktive Rahmengeschichte unter Strom gesetzt, die behauptet, der Protagonist sei auf einer Reise im Eis verschollen. Dieser Trick zieht die Zuschauer in die Geschichte – und wird am Ende entlarvt durch einen Eisbären am Südpol. In der „Unwahrheit“ der Gesamtkonstruktion kommt die „Wahrheit” der Figur zum Vorschein – ihr flackerndes Changieren zwischen Suchen und Finden, Inszenierung und authentischem Ausdruck.

Mit dem AVID-Schnittpreis für die beste Montage, in Form der aktuellsten Media Composer Software, wurde „Wenn man sie bedauert, können sie schlecht sterben“ von Friederike Güssefeld ausgezeichnet.

Die Begründung der Jury:

In strengen Tableaus lässt der Film die Bewohner eines brandenburgischen Dorfes erzählen. Von den Katastrophen, den eigenen und den historischen, und vom Niedergang, der Entvölkerung und dem Verschwinden von Gemeinschaft. Meisterhaft zerlegt der Schnitt die Interviews, und komponiert daraus Geschichten und einen Wurf aus einem Guss. Was auf den ersten Blick skurril wirkt, gerät im Nachhall zur allgemeingültigen Erzählung menschlicher Fährnisse.

 

Foto: Die Schülerjury mit Preisträger Peter Volkart

Neben den beiden Hauptpreisen verlieh auch diesmal eine dreiköpfige Schülerjury des Gymnasiums Bad Aibling den von Aiblinger Bürgern gestifteten Bürgerpreis in Höhe von 750 EUR. Der Preis ging an „ja ja, nein nein“ von Peter Volkart und Ulrich Schaffner. Die drei Schüler begründeten ihre Entscheidung folgendermaßen:

„ja ja, nein nein“ von Peter Volkart und Ulrich Schaffner schlägt eine spannende Brücke zwischen dem kulturpolitischen Engagement eines Erbsenfabrikanten und dem Leben eines freischaffenden Aktionskünstlers im Schweizer Kanton Aargau. Der Film beginnt mit einer seriös erscheinenden Erzählung, um nahtlos überzugehen in fiktive Welten.

Fasziniert hat uns die Verknüpfung der beiden Ebenen. Geschickt nutzen die beiden Regisseure Archivmaterial und schenken der Absurdität eine Bühne. Ebenso hat uns der Rhythmus der Erzählung überzeugt, der den Zuschauer tief in die Geschichte eintauchen lässt. Außerdem finden sich in dem Film sowohl das Fragezeichen als auch das Ausrufezeichen des diesjährigen Nonfiktionale-Mottos wieder.

Echt wahr!

Mit rund 2.100 Zuschauern war die diesjährige Nonfiktionale ein voller Erfolg.

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