Irschenberg: Familienrat hilft

Sandra Schulz vom Caritas Kinderdorf koordiniert Familientreffen, um Probleme selbst zu lösen

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Irschenberg – Der Familienrat stammt ursprünglich aus der Tradition der neuseeländischen Maori. Die Idee dahinter ist so simpel, wie wirkungsvoll. Statt sich Hilfe zu holen, kommen Verwandte, Freunde oder Bekannte an einen Tisch, um gemeinsam das Problem zu lösen. Das funktioniert auch bei uns in der Region: Sandra Schulz vom Caritas Kinderdorf in Irschenberg organisiert diese Familientreffen in der Stadt Rosenheim. 

Foto: Andrea Dörrie (l.) vom Rosenhiemer Familienratsbüro und Sandra Schulz vom Caritas Kinderdorf Irschenberg mit dem Familienratsmaskottchen

Schwierigkeiten und Konflikte in der Familie gehören zum Leben. Meistens gelingt es, diese selbst zu lösen. Manchmal kommt man alleine nicht weiter, dreht sich im Kreis. Insbesondere eine Trennung oder Scheidung stellt oftmals das Leben auf den Kopf. Gerade wenn Kinder da sind, überfordert die Situation manchmal die Beteiligten. Hier und bei anderen Problemen innerhalb der Familie hilft der Familienrat, ein relativ neues Unterstützungsangebot für Familien in schwierigen Lebenslagen, das in mehreren bayerischen Landkreisen verfügbar ist.

Dabei entscheiden die Hauptpersonen, wer zum Familienrat – dem Treffen – eingeladen werden soll. Zur Vorbereitung des Termins bekommt die Familie eine neutrale Familienkoordinatorin an die Seite gestellt, die sie dabei unterstützt, den Familienrat auf die Beine zu stellen. Koordinatorinnen sind dafür geschulte Personen, die im Alltag in unterschiedlichen Arbeitsbereichen tätig sind. Sandra Schulz vom Caritas Kinderdorf in Irschenberg ist eine von ihnen. Sie organisiert diese Familientreffen in der Stadt Rosenheim. Dafür erstellen die Beteiligten zunächst eine Liste mit Namen von Personen, die ihnen bei der Lösung des Problems hilfreich erscheinen. Die Koordinatorin informiert diese über das Anlegen. Ist ein gemeinsamer Termin gefunden, wird schriftlich zum Treffen eingeladen. Der Familienrat kann im eigenen Zuhause, in einer Gaststätte oder in einem Bürgerhaus stattfinden. Die Mitarbeiterin der Caritas moderiert die Veranstaltung. Anfangs stellen Fachleute die aktuelle Situation und das Problem dar, für das es Lösungen zu finden gilt. Dabei bleibt die Koordinatorin inhaltlich neutral und beteiligt sich nicht an der Suche nach Lösungen. Sobald die konkrete Aufgabe den Teilnehmern vermittelt wurde, verlassen Fachleute und Koordinatorin den Raum. Das Familiennetzwerk diskutiert nun unter sich Lösungsmöglichkeiten unter der Prämisse, was macht am meisten Sinn für das Kind?

Ziel ist es, einen Plan zum Wohle des Kindes oder Jugendlichen zu entwickeln. Dabei wird schriftlich festgehalten, wer wann welchen Beitrag zur Unterstützung leisten kann. Im Anschluss kommt die Koordinatorin wieder dazu und nimmt die Lösungsvorschläge zur Kenntnis, ohne diese zu bewerten. Nach einem halben Jahr wird sie eine Rückmeldung von der Familie einholen. Im Idealfall fällt diese so positiv aus wie im Fall der Familie M., von der Sandra Schulz berichtete: „Es ist ermutigend, wenn Eltern nach langer Zeit das erste Mal wieder gemeinsam vor ihren Kindern sitzen und ihnen erzählen, was sie sich für die Zukunft ausgedacht haben. Das erleben die Kinder und Jugendlichen als einen Moment der Hoffnung und des Neuanfangs. Auch wenn Mama und Papa nun nicht mehr zusammenleben, sie bleiben eine Familie. Und das ist für sie das Wichtigste.“

Das Ehepaar hatte lange versucht, die Kinder aus den Streitigkeiten herauszuhalten, bis es zur Trennung kam und Frau M. die Scheidung einreichte. Beide liebten ihre Kinder über alles und wollten nur das Beste. Durch die räumliche Trennung konnten sie sich jedoch nicht einigen, wer sich wann um die Zwei kümmert, in welcher Schule die Tochter eingeschult werden sollte. Unter der angespannten Situation litten die Kinder zunehmend. Das wiederum ging auch an den Eltern nicht spurlos vorüber. Nachdem sie sich im einberufenen Familienrat einzig und allein darauf konzentrierten, was sie gemeinsam tun können, damit es den Kindern wieder besser geht, entwickelten sie mit allen Beteiligten eine tragfähige Lösung. Sie einigten sich, wo die Kinder unter der Woche und am Wochenende leben, in welche Schule ihre Tochter geht. Sie vereinbarten, wie und wann sie miteinander in Kontakt bleiben, um gut abgesprochen Entscheidungen treffen zu können. Großeltern und Freunde halfen, indem sie ebenfalls Aufgaben übernahmen.

Der Familienrat hilft Kindern, Jugendlichen und Familien bei der Lösung von familiären Problemen. Diese können unterschiedlichster Natur sein. Da der Familienrat äußerst flexibel in der Ausgestaltung ist, kann er überall eingesetzt werden. So fanden beispielsweise Familienräte in der JVA Bernau und in einer Obdachlosenunterkunft in Rosenheim statt. Für Familien ist er nach Antragstellung ein kostenloses Angebot des Amtes für Kinder, Jugendliche und Familien.

 

Übrigens: In Rosenheim informiert Andrea Dörries, Sozialpädagogin (FH), vom Familienratsbüro unter der Telefonnummer 08031/ 352-8067.

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