Bad Aibling: Leben in Balance

Friedi Kühne hat mehrere Slackline-Weltrekorde aufgestellt - jetzt gibt er Kurse an der Wake-Base

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Bad Aibling – Wenn schon lernen, dann von den Besten. Und Friedrich „Friedi” Kühne ist einer der Besten. Der Profi-Slackliner aus Bad Aibling hat schon jede Menge Weltrekorde aufgestellt und gibt sein Wissen auch gerne weiter. Den ganzen September über gibt er stets mittwochs von 16.30 bis 19 Uhr an der Wake-Base am Harthauser Weiher Slackline-Kurse für Anfänger und für Fortgeschrittene. Wir stellen den Balancier-Künstler vor …

Einem Profi und Weltrekordhalter wie Friedi Kühne muss das Talent für die Slackline natürlich in die Wiege gelegt worden sein. Er muss von Anfang an traumhaft sicher über das Band gegangen sein. – Das Gegenteil ist der Fall! Als der mittlerweile 29-jährige Aiblinger vor rund zehn Jahren zum ersten Mal auf so einem Gewebeband stand, war das eine mittlere Katastrophe. Er erinnert sich: „Das war während eines Kletterurlaubs in Italien. Einer meiner Kumpels hatte eine Slackline dabei und ich hab das Ding auf dem Campingplatz ausprobiert – und war total frustriert.” Er kam kein einziges Mal drüber und hatte sein Urteil schnell gefällt: „Das ist ein kurzer Trend, für den sich bald niemand mehr interessieren wird. Das wird sich nie durchsetzen.”

Und doch, so sagt er, hat damals bei ihm eine Trotzreaktion eingesetzt. Friedi Kühne stieg in diesem Urlaub 2009 immer wieder auf die Slackline – „am Ende war ich mehr da drauf, als beim Klettern” – und infizierte sich mit dem Slackline-Virus. Bis heute ist er süchtig danach. Das begann ganz nebenbei als Hobby, das er auch während seines Gymnasiallehramts-Studiums in München weiter betrieb – und das immer intensiver, bis es schließlich zur Hauptsache in seinem Leben wurde.

Trickline und Highline

Kühne übte und übte, er probierte Kunststücke wie den Rückwärtssalto auf der Slackline, was ihm als trainierte Turner nicht sehr schwer fiel – und er wagte sich schließlich auch an die „Highline”. Hier hängt das Band in mindestens drei bis fünf Metern Höhe, kann aber auch über hunderte Meter tiefe Schluchten führen und ist deshalb nochmal eine ganz andere Hausnummer. Gerade auf den Highline-Festivals hat er dann sehr viel gelernt. Hier treffen sich die Freaks und die tauschen sich untereinander gerne aus, sie geben sich Tipps und zeigen sich auch Tricks.

Das hat Friedi Kühne zu Beginn seiner Slackline-Karriere oft gefehlt. Zwar haben ihm ganz am Anfang seine Freunde vom Klettern viel gezeigt, doch als er dann besser wurde, hat er sich die meisten Tricks selbst beigebracht. Irgendwann machter er es dann so gut, dass er sich während seines Studiums schon durch kleinere Trickline-Shows seine Studentenbude in München finanzieren konnte.

Worauf kommt es denn nun beim Slacklinen vor allem an? Friedi Kühne nennt drei Punkte: Zuerst sind das die Augen. „Der Blick darf nie auf die Line gerichtet sein”, sagt er. „Man muss sich einen Fixpunkt suchen und auf diesen zugehen. Das ist, wie wenn man ein volles Glas trägt. Auch hier sollte man nie auf die Flüssigkeit im Glas schauen.” Der zweite wichtige Punkt sind die Arme. Anders als beim klassischen Balancieren mit der Stange auf dem Hochseil muss ein Slackliner die Arme aufmachen und ständig mitbewegen. Und schließlich gibt es noch die Beine. „Die dürfen nie gestreckt sein. Man muss immer leicht in die Knie gehen und die Schwingungen aufnehmen”, erklärt Kühne und bringt dann die Philosophie des Slacklinens auf eine einfache Formel: „Die Kunst ist es, die Energie aus der Slackline herauszunehmen. Alle Gelenke sind dabei offen.”

Zehn Stunden Vorbereitung für eine Stunde Highlinen

Für den Profi-Slackliner dreht sich selbstverständlich der ganze Tag um seine Passion. Denn es ist nicht nur Training, was ihn zeitlich in Beschlag nimmt. Um auf sich aufmerksam zu machen, um der Öffentlichkeit zu zeigen, was er macht und anbietet, stellt er jeden zweiten Tag kleine Videos über die verschiedenen Social-Media-Kanäle ins Internet. Dazu kommen noch all die Vorbereitungen, die für ein gezieltes Highline-Training nötig sind. Alleine könnte er das nie schaffen. „Slacklinen ist tatsächlich Teamsport”, sagt er. Denn die Bänder müssen ja von A nach B kommen, dazu braucht es neben dem Einsatz von Drohnen mehrere Leute, die das Ganze installieren. Er beschreibt es so: „Beim Highlinen trifft Alpinismus auf komplexen Bühnenbau, das ist alles unfassbar aufwendig.” Es kann durchaus sein, dass für eine Stunde Balancieren zehn Stunden Zeitaufwand an Vorbereitung nötig sind.

Um unter optimalen Bedingungen zu trainieren, muss Friedi Kühne jedoch nicht weit weg fahren. Gutes Gelände gibt es für ihn am Wendelstein oder in der Wolfsschlucht bei Neubeuern. Auch am Harthauser Weiher findet man ihn öfters. Und geht das mal alles nicht, dann übt er eben auf einer kurzen Line. „Man kann sich auch da fordern”, ist er sich sicher. Dann macht er eben Handstände auf der Slackline, oder er steht auf einem Bein darauf während er noch jongliert.

Damit er seinen Sport so gut wie möglich ausüben kann, achtet Friedi Kühne sehr auf seinen Körper. Das fängt beim Essen an, wo er versucht, so gut wie möglich frische Lebensmittel zu essen. „In ein Fast Food Restaurant gehe ich nie. Außerdem trinke ich nullkommanull Alkohol.” Seine Erfahrung: Schon ein paar wenige Schluck Bier verändern den Gleichgewichtssinn auf der Slackline. Das Training auf der Line steht für ihn gar nicht so im Vordergrund. Der Balance-Crack investiert seine Zeit in Yoga und Krafttraining, auf der Slackline steht er pro Woche nur zwei bis viermal für ein paar Stunden.

Die Umgebung ist völlig ausgeblendet

Was ihn an seinem Beruf reizt, beschreibt er auf seine Homepage so: „Man kann sich einerseits auspowern und kreativ und spielerisch sein. Beim Laufen von besonders langen Slacklines reizt mich vor allem der meditative Aspekt. Man konzentriert sich nur auf sein eigenes Gleichgewicht, die Schwingungen in der Slackline und das Zusammenspiel zwischen dem eigenen Körper und dem gespannten Band. Man achtet auf das Atmen und versucht die Umgebung völlig auszublenden. Dabei gerät sämtlicher Alltagsstress in Vergessenheit.”

Als Friedi Kühne allerdings das erste Mal auf einer Highline war, hatte er erst einmal richtig Stress. Er gibt zu: „Obwohl ich noch nie ein Höhenangsthase war, hatte ich beim ersten Mal in der Höhe richtig Angst. Ich hatte Herzrasen und habe geschwitzt.” Das hat sich mittlerweile völlig gelegt, denn im Laufe der Jahre hat er seine Herausforderungen noch gesteigert. Friedi ist einer der wenigen Slackliner auf dieser Welt, die den Gang über das Band ohne jegliche Sicherung machen. „Free Solo” nennt sich diese Disziplin, und davon rät er auch auf seiner Webseite dringend ab. Denn das ist ein Spezialisten-Programm, das sich auch in der absoluten Weltspitze nur die wenigsten zutrauen.

Rekorde: Höher und weiter

Nichtsdestotrotz hat er im Free Solo schon zwei Weltrekorde aufgestellt: 2016 waren es 72 Meter über eine 400 Meter tiefe Schlucht, 2017 balancierte er dann in der Verdun-Schlucht ohne Sicherung 110 Meter weit in rund 200 Metern Höhe.

Auch was die Länge anbetrifft ist er ganz vorne dabei. So marschierte er 2018 in Kanada 1,9 Kilometer weit, und in Russland ging er mit verbundenen Augen einen Kilometer übers Band. „Dabei”, so sagt er, „ist das Blindsein nicht das größte Problem. Am schlimmsten ist es, dass man losläuft und irgendwann nicht mehr weiß, wie weit man schon ist und wie weit man noch hat.” Der Extremsportler, der in Kolbermoor aufgewachsen und aufs Karolinengymnasium in Rosenheim gegangen ist, hat aber noch längst nicht genug. Immer neue Rekorde hat er im Kopf. „Mir fällt ständig was Neues ein. Davon will ich noch einiges umsetzen.” Eine Highline auf 6.000 Metern Höhe will er noch begehen, in der Antarktis will er noch übers Band balancieren oder – als die momentan verrückteste Idee – auf einer Line gehen, die von einem Flugzeug gezogen wird.

Dass es ihm wahrlich nicht an Einfällen mangelt, hat er auch schon im Fernsehen gezeigt. Bei einer „Wetten dass ..?”-Sendung im Dezember 2013 schaffte er es, nur durch den Luftzug beim Slackline-Surfen sechs Kerzen an seitlich aufgestellten Christbäumen auszublasen.

Wunsch: Bei Aiblings Jubiläum über die Kirchzeile balancieren

Um seinen Sport noch bekannter zu machen und auch den Menschen ein echtes Spektakel zu bieten, tritt Friedi Kühne auf allen möglichen Veranstaltungen auf. So wünscht er sich auch, dass er im kommenden Jubiläumsjahr der Stadt Bad Aibling über die Kirchzeile oder den Marienplatz balancieren kann. Dass dabei alle Augen auf ihn gerichtet sind, macht ihm nichts aus. Im Gegenteil: „Ich liebe es, vor Publikum aufzutreten.” Auch Vorträge zu halten, ist etwas, das er gerne tut. Vor allem Firmen und auch Schulen nutzen seine Erfahrung, wenn er über Themen wie „Grenzerfahrung” oder „Angst überwinden” referiert.

Jeden Mittwoch Kurse am Harthauser Weiher

Schließlich sind da noch die Slackline-Kurse, die er anbietet. Als studierter Lehrer macht es ihm Spaß, sein Wissen weiter zu geben und die Menschen für seine Passion zu begeistern. Und nie war in Bad Aibling und in der Region die Gelegenheit dazu besser: Noch bis Ende September können Anfänger und Fortgeschrittene an der Wake-Base am Harthauser Weiher von seinem Können profitieren. Und von wem könnte man besser lernen, als von dem Mann, der schon über zwölf Weltrekorde aufgestellt hat?

Kontakt:

Friedi Kühne
Tel.: 0176 21365238
Mail: friedi.kuehne@web.de
Web: www.friedi-kuehne.de

Ohne Netz und doppelten Boden:

 

 

 

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