Kolbermoor: Krematorium als Klimakiller?

Infoabend der BI gegen das Krematorium am Freitagabend im Mareissaal

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Kolbermoor – Auch der Auftakt zum Wiesn-Endspurt in Rosenheim oder einer der vielleicht letzten milden Biergarten-Abende hielt rund 300 Besucher am Freitagabend nicht davon ab, in den Mareissaal zu kommen. Dorthin hatte die Bürgerinitiative (BI) gegen das geplante Krematorium auf dem Friedhof am Rothbachl gerufen. Die Gegner der Feuerbestattungsanlage kamen somit der Stadt und der Betreiberfirma zuvor, die am kommenden Dienstag ihren Informationsabend zum Thema angekündigt haben.  

Schließlich will sich jede Partei vor dem Ratsbegehren am 20. Oktober noch einmal mit ihren Argumenten in Stellung bringen. Und die BI fuhr hier in Sachen Contra Krematorium großes Geschütz auf: Sie hatte Andreas Morgenroth aus Hamburg als Redner und Experten geladen. Morgenroth gilt als der Deutschlandweit bekannteste und umtriebigste Gegner von Urnengräbern. Flankiert wurde er von Markus P. Raschke, ÖDP-Bezirksrat in Oberbayern und Klimaexperte. Raschke (im Foto r.) eröffnete dann auch den von Thomas Brinkmann moderierten Abend und ging in seinem kurzen Vortrag weniger auf das geplante Krematorium als auf den allgemeinen Klimawandel ein. Er verwies auf die verheerenden Auswirkungen, die der weltweite Temperaturanstieg jetzt schon hat und vor allem noch haben wird. Die Kurve zum Krematorium schaffte er dennoch, denn: Jede weitere Anlage, die CO2 ausstößt sei heute nicht vertretbar. „Ich finde es nicht mehr zeitgemäß, Krematorien zu errichten, die etwas verbrennen, das zu 70 Prozent aus Wasser besteht und weiteres CO2 in die Luft blasen”, sagte er.

Andreas Morgenroth (Foto u.) reicherte in seiner Rede dann diese Luft noch mit Quecksilber, Chrom, Nickel und radioaktiven Rückständen an. Letztere würden vor allem deswegen zunehmen, da in der Krebsbehandlung von Patienten immer mehr Radiologie eingesetzt würde anstatt wie bisher die Chemotherapie. Seine Schlussfolgerung: Die Luft rund um die Krematorien wäre deshalb mehr mit Strahlung belastet als woanders.

Für den Feuerbestattungsgegner gibt es allerdings noch viel mehr Gründe, sich gegen ein Krematorium – egal ob in Kolbermoor oder sonstwo – auszusprechen. Er erinnerte auch an die „Friedhofskultur”. „Wenn Sie sich einen Tatort anschauen, dann gibt es da bei Beerdigungsszenen nie ein Urnenbegräbnis, sondern immer eine Erdbestattung”, merkte er an. Als Landschaftsplaner widerstrebt ihm der Bau in Kolbermoor besonders. Seine Meinung: „Man darf keine Grünanlage wie auf diesem Friedhof einer Industrieanlage opfern. Das ist ein No Go!”

Seine Haltung gegen Feuerbestattungsanlagen untermauerte er dann durch bundesweite Zahlen: „Bei den derzeit 540.000 Verbrennungen jährlich fallen 1.600 Tonnen Asche an, von denen 1.400 Tonnen beigesetzt werden.” Der Rest müsse dann extra entsorgt werden. Anschließend verglich er die Anzahl der Krematorien in Nordrhein-Westfalen mit der in Bayern. „Obwohl NRW 18 Millionen Einwohner hat, gibt es dort 20 Krematorien. In Bayern mit rund 13 Millionen Einwohnern stehen dagegen schon 22.”

Den Grund, warum das so sein kann, lieferte er dann gleich nach: Der sogenannte Leichenimport. Andere Bundesländer würden ihre Toten zunehmend in bayerischen Krematorien verbrennen lassen, da hier anders als im restlichen Deutschland die 2. Leichenschau unüblich ist. „In jedem anderen Bundesland kommt vor der Einäscherung noch einmal der Gerichtsmediziner vorbei und überprüft noch einmal die Todesursache – das ist dort Vorschrift.” Deshalb wäre eine Verbrennung in Bayern bisher rund 50 Euro billiger, nachdem die zweite Leichenschau ab 2020 in den anderen Ländern noch qualifizierter vorgeschrieben wird, würde eine Einäscherung in Bayern sogar um rund 150 Euro billiger. Sowohl für Bestattungsunternehmer als auch für Krematoriumsbetreiber ein lukratives Geschäft.

Morgenroth vermutet darüber hinaus, dass die meisten Anlagen in Bayern noch lange nicht ihre Kapazität erreicht hätten und dass hier mit Blick auf die kommende Verschärfung der zweiten Leichenschau in Restdeutschland schon einmal vorakquiriert würde. Auf genaue Zahlen, so sagte er, könne er nicht verweisen. „Das ist leider überall Betriebsgeheimnis.”

Robert König (im Foto l.), Initiator der BI, merkte jedoch an, dass es in den Krematorien im Umkreis keine Wartezeiten gäbe. „Das spricht dafür, dass die nicht an ihrer Kapazitätsgrenze sind.”

Die in Kolbermoor geplante Anlage könnte 7.000 Verbrennungen im Jahr leisten, was Andreas Morgenroth den Schweiß auf die Stirn treibt. „Wird das wirklich nur Wasserdampf sein, was da oben raus kommt?”, fragte er in den Saal und zog anschließend sein Fazit: „Das Krematorium ist für Kolbermoor überdimensioniert, für den Friedhof überdimensioniert und würde zudem nicht in das Klimaschutzleitbild der Stadt passen.”

Für seine Ausführungen bekam der Streiter für die „Friedhofskultur” von den anwesenden Zuhörern wohlwollenden Applaus, waren die meisten unter ihnen doch Gegner der geplanten Anlage. Dennoch gab es in der anschließenden Fragerunde den einen oder anderen Zweifel, ob denn die Erdbestattung soviel umweltfreundlicher sei als die Verbrennung. Schließlich kämen ja auch bestrahlte Menschen unter die Erde. Andreas Morgenroth setzt hier auf die Zeit. „Die Strahlung nimmt ja über die Jahre ab. Und den Rest erledigt die Natur durch den Verwesungsprozess.”

Umweltproblematik hin oder her – was die Menschen im Mareissaal viel mehr interessierte waren Themen, die das anstehende Ratsbegehren betreffen. Sie wollten sicher sein, dass jeder Wahlberechtigte, wie bei einer Wahl üblich, vorab eine Wahlbenachrichtigung bekommt. Hierzu wurden die beiden anwesenden Stadträte Andrea Rosner (Grüne) und Sebastian Daxeder (CSU) befragt. Beide versprachen, sich zu kümmern und das schnellstmöglich zu klären.

Die geringe Besetzung der Stadtratsreihen an diesem Abend empfand ein anwesender Bürger „beschämend”. Es bleibt allerdings spannend zu beobachten, wie viele Vertreter der BI dann am kommenden Dienstag den Weg zum Infoabend der Stadt finden werden …

 

 

 

 

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