Kolbermoor: Diskutieren bis es staubt

Kolbermoor – Und wieder konnten die Kolbermoorer in den Mareissaal gehen. Und wieder konnten sie sich über das geplante Krematorium im Friedhof am Rothbachl informieren. Und wieder durften sie Fragen über Fragen stellen. Waren am vergangenen Freitag die Gegner der Anlage am Zug (wir berichteten), so luden am Dienstagabend nun die Stadt und die Betreiberfirma zu ihrem Infoabend ein. Was dabei die Anzahl der Besucher betraf, so verzeichnete auch diese Veranstaltung ähnlich viele Interessenten – rund 300 Bürger nahmen Platz, um die Experten auf dem Podium zu befragen.

Das taten sie nach den einführenden Worten von Bürgermeister Peter Kloo und Thomas Engmann von der Betreiberfirma EHG dann bei dem von Axel Effner moderierten Abend auch leidenschaftlich und ausführlich. Und angenommen, ein Mensch, der nicht gewusst hätte, um was es an diesem Abend ging, wäre zufällig dabei gewesen – er hätte unweigerlich den Eindruck bekommen müssen, dass hier über ein geplantes Atomkraftwerk oder eine Sondermüll-Verbrennungsanlage gesprochen wurde. Ein Großteil der Fragen drehte sich nämlich um Themen wie „Wieviel radiologische Strahlenbelastung kommt in die Luft?”, „Können Sie bestätigen, dass keine Chrom/Nickel-Anteile in den Emissionen sind?”, „Stimmt es, dass in den USA bei Krematoriums-Mitarbeitern radiologische Strahlen gemessen wurden?”, „Auch Aluminium ist hochgiftig. Wieviel Aluminium gelangt in die Luft?” – Die Liste könnte endlos fortgeführt werden.

Selbst nachdem Chemiker und Umweltanalytiker Dr. Jörg Bachmann (im Foto o. r.)  auf die Bitte, doch einmal für jeden einfach und verständlich zu erklären, was denn da so in die Luft gepustet wird, mit einem kleinen Chemievortrag antwortete, gab es stets weitere Fragen nach Details. Als neutraler Beobachter konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier nicht nur nach dem Haar in der Suppe, sondern vielmehr nach dem Atom in der Totenasche gesucht wurde. Als Beispiel eine Fragenserie an Jörg Bachmann: „Es wurde viel über Staub geredet. Aber was ist mit dem gefährlichen Feinstaub?” – Antwort: „Feinstaub gibt es sowieso überall. Aber im gefilterten Reingas eines Krematoriums ist weniger als beispielsweise hier im Saal.” – „Und was ist dann mit Ultra-Feinstaub?” …

Anlagen-Hersteller Heiko Friederichs von der Heinicke GmbH bestätigte darüber hinaus, dass seine Firma schon seit vielen Jahren Chrom/Nickel-Legierungen nur noch in den Bereichen der Verbrennungsanlagen verwenden würde, in denen keine hohen Temperaturen herrschen würden. Messbarkeit: gleich Null.

Foto o: Heiko Frioederichs, Thomas Engmann, Peter Kloo (v.l.)

Aber wenn ein derartiges Projekt geplant ist, bei dem eine Firma womöglich sogar noch Gewinn machen könnte, dann werden auch Stimmen laut, die Profitgier in allen Bereichen unterstellen. So kam zum Beispiel die Frage eines Bürgers auf, der von Thomas Engmann wissen wollte, was denn mit dem aus der Asche entnommenen Zahngold oder Titanimplantaten geschehen würde und was dann mit dem daraus erzielten Geld gemacht wird. Die klare Ansage des Betreibers: „Die Asche ist unteilbar. Das ist Recht. Wir verdienen unser Geld mit der Einäscherung von Menschen und entnehmen nichts aus der Asche.”

Zwischen all den Fragen zu Schadstoffbelastungen, eventuellen Bereicherungen und Krematoriums-Kapazitäten gab es dennoch Beiträge von Bürgern, die dem geplanten Bau positiv gegenüber stehen. Ihre Aussage: „Wenn man hier gelebt hat, ist es doch gut zu wissen, dass man hinterher nicht weit durch die Gegend gefahren wird und dass auch den Angehörigen keine weiten Wege zugemutet werden, wenn sie bei der Übergabe ans Feuer dabei sein wollen.”

Dass dieser Trend zur Urnenbestattung auf den Friedhöfen nicht mehr zu stoppen ist, bestätigte auch ein Bestattungsunternehmer aus Vogtareuth: „Wir haben selbst hier auf dem Land mittlerweile schon rund 60 Prozent Feuerbestattungen”, sagte er. Und die Tendenz ist steigend.

Deshalb verweist Thomas Engmann (Foto r.) auch darauf, dass die von seiner Firma EHG betriebene Anlage in Traunstein in den kommenden zwei Jahren die Kapazitätsgrenze erreicht haben wird. „Ein weiteres Krematorium wie das in Kolbermoor geplante wird dann nötig.” Sollte er beim Bürgerentscheid am 20. Oktober grünes Licht für den Bau bekommen, würde zuerst eine Ofenlinie für 3.500 Einäscherungen pro Jahr errichtet werden, in der Folgezeit käme dann eine weitere Linie für noch einmal 3.500 Verbrennungen dazu. Diese Anzahl, die auf den ersten Blick sehr hoch wirkt, muss laut Engmann sein. Denn: „Ein Krematorium muss kontinuierlich betrieben werden. Alles andere würde energetisch keinen Sinn machen, da sie jedesmal erneut auf 850 Grad Mindesttemperatur aufgeheizt werden müsste.”

Bürgermeister Peter Kloo hält den Standort auf dem Friedhof am Rothbachl für eine Feuerbestattungsanlagebestens für optimal. Seine Argumente: Laut Bundesverwaltungsgericht ist der passende Standort für ein Krematorium ein Friedhofsgelände. Die Anlage könnte in den bestehenden Friedhof integriert werden, für den Bau müssten keine Gräber umgebettet werden, die geschätzten 15 bis 30 Fahrzeugbewegungen mehr am Tag würden bei einer Fahrzeugdichte von täglich rund 25.000 auf der angrenzenden Staatsstraße kaum ins Gewicht fallen, der Abstand zu den nächsten Wohnhäusern beträgt über 100 Meter. Zudem bleibt der vorhandene Baumgürtel erhalten.

Am Ende des Infoabend, der teilweise zu einer kleinen Chemie-Physik-Fragestunde wurde, hatte das Stadtoberhaupt auch das Schlusswort, mit dem er auf die vielen negativen Stimmen aus dem Publikum reagierte: „Man kann immer Worst-Case-Szenarien beschreiben und scheinbar ist es derzeit auch üblich, Ängste zu schüren. Doch man kann sich seinen Ängsten auch stellen, sich informieren und mit ihnen umgehen lernen.”

Und noch einmal forderte er die Bürger auf, am 20. Oktober beim Bürgerentscheid zur Wahl zur gehen. Sein Appell: „Demokratie braucht Demokraten!”

Hier noch die Entwürfe der geplanten Feuerbestattungsanlage: