Rosenheim: Netzwerk soll Messies helfen

Fachtagung zu „Messie-Syndrom“ unter dem Motto „Leben im Chaos – Chaos im Leben“

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Rosenheim – Es gibt viele Ursachen, warum es jemand tut und viele Arten, wie es zu Tage tritt: Übermäßiges Sammeln und Horten bis zum Verwahrlosen oder Vermüllen. Im Alltag wird häufig nur vom „Messie“ gesprochen. Wie komplex dieser Themenbereich ist und welche Hilfen es gibt, darüber informierten sich rund 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf einer Fachtagung der Gesundheitsregionplus Landkreis Rosenheim. Sie fand im Landratsamt Rosenheim statt und stand unter dem Titel „Leben im Chaos – Chaos im Leben“.

Foto (v.l.): Klaus Voss, Michael Schröter, Dr. Christoph Schormair, Wedigo von Wedel, Dr. Gitte Händel (Gesundheitsregion-plus), Andreas Böhm, Roswitha Schmidt (staatliches Gesundheitsamt Rosenheim) Prof. Dr. Ulrich Voderholzer, stellvertretender Landrat Josef Huber

 

Bereits der stellvertretende Landrat Josef Huber machte in seiner Begrüßung deutlich, dass er das Problem kennt: Es sei schwierig, den richtigen Weg zu finden zwischen der Unverletzlichkeit der Wohnung und den Rechten, Ansprüchen und Wünschen von Vermietern oder Nachbarn. Zudem betonten alle Referenten, komme die Würde der Betroffenen und der Schutz ihrer Persönlichkeit.

Professor Ulrich Voderholzer von der Schön Klinik Roseneck in Prien zeigte auf, dass die hinter dem Horten liegenden Ursachen meist schwer behandelbar sind. „Die Gegenstände symbolisieren mein Leben“ sagen Betroffene oder, „man könnte sie ja noch einmal gebrauchen“. Aus wissenschaftlicher Sicht weiß man, dass es für krankhaftes Horten unter anderem genetische Ursachen gibt und dass es nicht darum geht, „einfach“ nur das Verhalten zu ändern. Die hinter der Störung liegenden psychischen Erkrankungen oder Denkmuster sind nur schwer zu beeinflussen.

Alle Referenten wiesen darauf hin, dass es eine Verletzung der Persönlichkeit des Betroffenen ist, wenn man einfach aufräumt und wegwirft und dadurch eine Retraumatisierung ausgelöst werden kann. „Bitten Sie um Erlaubnis, bevor Sie Gegenstände berühren“, so der Appell der Spezialisten. So lange der Betroffene nicht die Rechte Dritter verletzt, kann er in seiner Wohnung tun, was er will. Darauf wies auch mit Nachdruck Wedigo von Wedel vom H-Team in München hin, einem gemeinnützigen Verein, der Menschen in Not hilft. Von Wedel arbeitet schon seit den 1990er Jahren mit Menschen, die wegen des Hortens vor dem Verlust ihrer Wohnung stehen. „Es wäre wichtig, dass Sozialarbeit, Medizin und Wissenschaft eng zusammenarbeiten, um wirksame Therapien zu entwickeln“, sagte er und ergänzte,  „das findet seit 30 Jahren nicht statt.“

Von Wedel führte die Unterscheidung von passiven und aktiven Sammlern ein: Der passive Sammler hat keinen emotionalen Bezug zu den Gegenständen, sie haben keine Funktion für seine Psyche. Bei ihm kann man – ohne ihn zu traumatisieren – aufräumen und entsorgen. Anders ist es bei dem aktiven Sammler. Er hat Ordnungsideen, ein Bedürfnis nach Struktur gestaltet seine Wohnung. Die Dinge, die er sammelt, haben eine Bedeutung und einen klaren Bezug für ihn. Er ist verletzt, wenn man seine emotionale Bindung zu den Gegenständen nicht akzeptiert.

Michael Schröter, der Leiter der 1. deutschen Messieakademie aus München berichtete über eine Entwicklung der letzten Jahre, in der Menschen zunehmend vermüllen würden. Er formulierte eine Vision, die von den meisten Anwesenden geteilt wurde: „Eines Tages soll jeder, der professionelle Hilfe will, sie auch bekommen. Messies gehören in die Mitte der Gesellschaft.“ Eines seiner Angebote ist das „Messie-Frühstück“. Betroffene treffen sich in einem geschützten Raum, frühstücken und reden, wenn sie wollen, über sich und ihre Probleme mit einer Offenheit und Klarheit, die außerhalb dieses geschützten Raums kaum zu finden sei.

Dr. Christoph Schormair und Andreas Böhm vom Kompetenznetz Neurologie und Seelische Gesundheit und Zentrum für neurologische und psychiatrische Begutachtung in Rosenheim zeigten abschließend die Rahmenbedingungen der Begutachtung auf, die zur Errichtung einer gesetzlichen Betreuung führen. Die bestellten Betreuer stehen dann häufig im Spannungsfeld zwischen der Vertretung der Interessen des von ihnen Betreuten und den Ansprüchen des Umfelds, das „Problem zu lösen“. Eine zum Teil sehr schwierige und aufreibende Position, stellten beide Ärzte fest. Nachdrücklich betonten sie, dass Betreuung auch eine positive Funktion haben kann, denn sie entlastet von bestimmten Alltags-Anforderungen und gibt Betroffenen Zeit, sich um sich selbst und ihre Wohnung zu kümmern.

Am Ende aller Beiträge von Referenten und Teilnehmerinnen und Teilnehmern stand die Erkenntnis, dass ein professionelles Hilfsangebot für die Betroffenen in Stadt und Landkreis Rosenheim, das sensibel begleitende Hilfen bieten kann, hilfreich wäre.

Die Frage, wie es nun weiter gehen soll, beschäftigte Klaus Voss von der Diakonie Soziale Dienste Oberbayern. Seiner Ansicht nach ist der konsequente weitere Ausbau eines heterogenen professionsüberschreitenden Netzwerkes in der Region Rosenheim entscheidend. Ein wichtiger Teil dieses Netzwerkes ist ein Arbeitskreis, der sich in Anlehnung an den Müchner Verein ebenfalls „H-Team“ nennt und die Fachtagung initiierte. Dort arbeiten seit zwei Jahren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des staatlichen Gesundheitsamts, von Diakonie, Caritas, Internationalem Bund Wasserburg, der Nachbarschaftshilfe Rosenheim und von Anthojo zusammen.

Darüber hinaus scheint es wichtig, eine koordinierende Stelle zu schaffen, die die Hilfsangebote kennt und auch vermitteln kann. Zu regeln ist die Finanzierung einer solchen Stelle, aber auch die Finanzierung der Unterstützung von Betroffenen. Die Situation ist häufig unübersichtlich. Gewünscht werden außerdem Schulungen zum Beispiel für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Gemeinden, die mit Fällen von krankhaftem Horten und Verwahrlosung konfrontiert sind. Und es soll ein „Messie-Frühstück“ in Rosenheim angeboten werden als ein offener und geschützter Treff für Betroffene. Der Arbeitskreis „H-Team“, Referenten, Moderator und Gesundheitsregionplus werden daran arbeiten, diesen „Auftrag“ mit Unterstützung weiterer Akteure in der Region umzusetzen.

 

 

 

 

 

 

 

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