Max-Mannheimer-Kulturtage in Bad Aibling eröffnet

Großes Interesse an Dokufilm und Ausstellung - Auszüge aus Michael Stacheders Eröffnungsrede

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Bad Aibling – Mit zwei bemerkenswerten Veranstaltungen wurden die Max-Mannheimer-Tage 2020 am vergangenen Wochenende eröffnet. Am Freitagabend gab der Dokumentarfilm „Der weiße Rabe” Einblicke in das Leben und Wirken Max Mannheimers. Am Samstag dann war die Vernissage zur Ausstellung „Im Krieg sagtest du einmal …” im alten Feuerwehrgerätehaus. Begleitend dazu konnten Gläubige in der St. Sebastiani Kirche unter dem Motto „Das Wort, das ich aussende, bewirkt, was ich will …” ein Nachtgebet sprechen. Auch mehrere Redner waren auf den Veranstaltungen zu hören. Darunter auch Mitorganisator Michael Stacheder (Foto), dessen Eröffnungsrede wir hier in Auszügen zeigen …

„ … an diesem Abend möchten wir uns ausdrücklich auch
bei der Stadt Bad Aibling bedanken, die in diesem Jahr zum ersten
Mal die Veranstaltungsreihe der Kulturtage mit einer Förderung
unterstützt. Ein aufrichtiges Dankeschön für dieses wichtige
Zeichen, das manches leichter gestalten und die den Leuchtturm
„Max-Mannheimer-Kulturtage Bad Aibling“ zu einer festen
Institution in der Region werden lässt …”

„… Ohne dieses beeindruckende zivilgesellschaftliche Engagement
wären die Max-Mannheimer-Kulturtage Bad Aibling nicht möglich.
Dies erfüllt mich mit stiller Freude.
Wie wichtig dieses zivilgesellschaftliche Engagement ist und
für die Zukunft sein wird, zeigt die innenpolitische und
gesellschaftliche Entwicklung Deutschlands in den vergangenen
Jahren.
„Es könnte eine Zeit kommen, in der es als politisch nicht
mehr opportun gilt, den Verbrechen der Vergangenheit jene Namen zu
geben, die ihnen gebühren; erst dann werden wir beweisen können,
wieviel uns die Freiheit wert ist.“
Dieses Zitat des Literaturnobelpreisträgers Heinrich Böll
stammt aus seiner Rede „Der Preis der Versöhnung“, von 1959, die
mit folgenden Worten einsetzte:
„In einer Stunde wie dieser, die der Erinnerung an die Opfer
der Judenverfolgung gewidmet ist, betreten wir einen unheimlichen
Raum. In diesem Raum reicht die Sprache nicht aus, und so ist
alles, was ich sage, zur Hilflosigkeit verdammt, zur
Unzulänglichkeit; in diesem Raum reichen auch Empfindungen wie
Scham und Reue nicht aus, Trauer und Schmerz, füllen ihn nicht. Es
bleibt ein Rest. Was in Auschwitz geschah, an den anderen großen
Vernichtungsstätten, ist nicht faßbar; selbst für die nicht
faßbar, die Augenzeugen gewesen, der Vernichtung entronnen sind
und das schreckliche Geheimnis weiterzugeben, zu erklären
versuchten.“

Foto: Impressionen der Vernissage am Samstagabend

Wenn wir am kommenden Montag, zum 75. Mal der Befreiung der
Konzentrationslager von Auschwitz und Birkenau gedenken, an die
Millionen Opfer des Holocaust und der Shoah, bleibt es
Generationen später immer noch unfassbar. Der Raum ist nicht zu
füllen.
Aber in unserer Zeit, in der sich „die bösen Geister in neuem
Gewand zeigen“, so wie es gestern Bundespräsident Frank-Walter
Steinmeier in seiner Rede in der Gedenkstätte von Yad Vashem
betonte, ist es nötig die Fassungslosigkeit zu überwinden und den
unheimlichen, dunklen Raum mit vielen lauten Stimmen zu füllen und
zu erhellen. Den bösen Dämonen, die ihr (ich zitiere Herrn
Steinmeier) „antisemitisches, ihr völkisches, ihr autoritäres
Denken als Antwort für die Zukunft, als neue Lösung für die
Probleme unserer Zeit präsentieren“, müssen wir als
Zivilgesellschaft des 21. Jahrhunderts eine Botschaft
entgegensetzen, mutig und laut: In einer freien, demokratischen
und liberalen Gesellschaft, in der die Kulturen friedlich
zusammenleben wollen, haben Antisemitismus, Rassismus, Homophobie,
Hass und Hetze keinen Platz. Sie vergiften unser Zusammenleben und
bedrohen unsere demokratischen Werte und attackieren unsere
Verfassung.”

„Es darf keinen Schlussstrich unter dem Erinnern geben. Unsere
Gesellschaft benötigt mehr denn je eine lebendige
Erinnerungskultur, um mit den vielfältigsten Projekten und Ideen
zum Bewahren der Erinnerung an den Holocaust beizutragen. Die so
wichtigen und stillen Denkmäler des Erinnerns, wie Stolpersteine
oder die Benennung von Straßen nach Opfern des Nationalsozialismus
und des Widerstands, reichen leider längst nicht mehr aus.
Vielmehr verlangt das Erinnern von heute nach einer klaren
und entschiedenen Haltung eines jeden Einzelnen von uns, gegen
Antisemitismus, Rassismus, Hass und Hetze.“
„Wenn jeder wartet, bis der Andere anfängt …“, – so ein Zitat
aus dem I. Flugblatt des Münchner Widerstandskreises „Die Weißen
Rose“ um Alexander Schmorell und Hans Scholl – ist es am Ende
vielleicht zu spät. Wir müssen eine entschiedene Haltung
einnehmen. Vielleicht noch klarer, lauter und deutlicher, als wir
das in der Vergangenheit bereits getan haben.
Wenn wir in wenigen Wochen an die Wahlurnen gerufen werden,
um unsere Stimmen bei den anstehenden Kommunalwahlen abzugeben,
sollten wir ganz genau hinsehen, wem wir da unser Vertrauen
schenken, wem wir die Verantwortung für unsere Stadt, für unsere
Kommunen und für unseren Landkreis übertragen. Lassen wir es nicht
zu, dass eine rechtsnationale Gesinnung, eine Sprache aus Hass und
Hetze Einzug hält in unsere stadt- und kommunalpolitischen Räume.
Auch müssen wir uns überlegen, ob wir es weiter verantworten
können, dass unter dem Schutzschild der freien Meinungsäußerung
diffamierende Volksverhetzung auf unseren öffentlichen Plätzen
betrieben werden darf. Hier sehe ich eine große Verantwortung bei
den Verwaltungen, Gerichten und Behörden. Vielleicht bedarf es gar
keine Verschärfungen der Gesetze, sondern eine konsequente
Anwendung der Vorhandenen.
Wir als Zivilgesellschaft tragen die Verantwortung für
unsere Zukunft und der nachfolgenden Generationen. „Ihr seid nicht
schuld, an dem, was war, aber verantwortlich dafür, dass es nicht
mehr geschieht.“, so der eindringliche Appell Max Mannheimers, dem
wir heute diesen Abend zu seinem 100. Geburtstag am 6. Februar
widmen möchten. Seine Aufforderung ist uns, den Organisatoren und
Veranstaltern der nach ihm benannten Kulturtage, Verpflichtung und
Auftrag.”

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