Bad Aibling: Von Indien fürs Leben lernen

Schüler des Dietrich-Bonhoeffer-Bildungscampus auf Austausch in Indien - fremde Kulturen als Schulkonzept

Bad Aibling – Jugendliche auf großer Fahrt: Derzeit sind einige Schülerinnen und Schüler des Aiblinger Dietrich-Bonhoeffer-Bildungscampus (DBBC) zum Schüleraustausch in Indien. Warum das heutzutage – trotz Klimadebatte – eine wichtige Exkursion ist und wieso das Kennenlernen fremder Kulturen zur Philosophie der Schule gehört …

Markus Schmidt beugt eventuellen Fragen schnell vor. „Wir wissen, dass in Zeiten des Klimawandels jede Fernreise kritisch betrachtet wird”, sagt der Geschäftsführer des DBBC. „Trotzdem denken wir, dass es für unsere Schüler kaum ein besseres Land als Indien gibt, um unsere Gesellschaft zu beleuchten.” Und so ist derzeit erneut eine Schülergruppe des Bildungscampus beim 14-tägigen Austausch auf der Rockwoods-School in Udaipur.

„Durch den Besuch in Indien lernen unsere Schüler plötzlich, die ganz einfachen und bei uns selbstverständlichen Dinge zu schätzen”, sagt Uwe Unger, Schulleiter der Fachoberschule im DBBC. „Dass bei uns einfach sauberes Wasser aus der Leitung kommt oder eine moderne Küche in der Wohnung ist.” Für Markus Schmidt hat die Reise allerdings noch einen tieferen Sinn: „Wirklich Friede auf der Welt kann nur entstehen, wenn man andere Kulturen kennen lernt.” Für ihn und das Kollegium ist die Internationalisierung angesichts von Schülern aus 26 Nationen am DBBC ein wichtiger Schwerpunkt im Schulkonzept. Er fügt hinzu: „In unserem Selbstverständnis ist Schule kein politikfreier Raum.” Was er damit auch meint: Im DBBC gibt es keinen Platz für Fremdenhass und rechtes Gedankengut.

Wofür allerdings viel mehr Platz da ist, als auf staatlichen Schulen, ist die Digitalisierung. „Wir sind da im Vergleich um tausende Kilometer weiter”, sagt Uwe Unger selbstbewusst. Tatsächlich hat jeder Schüler ein eigenes Tablet, W-Lan ist im ganzen Haus verfügbar, digitale Tafeln halten in immer mehr Klassenzimmer Einzug. „Wir müssen von Anfang an den Umgang mit digitalen Medien üben. Denn Digitalität ist nach meinem Verständnis inzwischen neben Lesen, Rechnen und Schreiben das vierte Grundfach”, sagt Markus Schmidt.

Damit Digitalisierung so selbstverständlich wie möglich wird, gibt es im DBBC keine völlige Kontrolle darüber, was die Schüler im Netz machen. Selbstverständlich sind jugendgefährdende Seiten per se gesperrt, dennoch sollen die Schüler selbst erkennen lernen, was gut für sie ist und was nicht. Schmidt: „Wir reden vorab mit ihnen über die Problematiken des Internets und erklären auch, warum jetzt die eine oder andere Aktion nicht so gut für sie ist.” Als digitalisierungshörig will sich die Schulleitung allerdings nicht verstanden wissen. Ihr Credo: „Wir wollen Digitalisierung überall, aber nicht zwingend immer, sondern nur da, wo sie auch wirklich Sinn macht. Und das können die Lehrer selbst entscheiden.” Für Markus Schmidt ist die Hauptaufgabe der Schule ohnehin eine andere: „Unser Job ist es, darauf zu schauen, dass wir aus jungen Menschen gefestigte Persönlichkeiten machen.”

Ein wichtiger Punkt in diesem Prozess ist das Ganztageskonzept, bei dem Schüler und Lehrer jeden Tag von 8 Uhr morgens bis mindestens um 16 Uhr am Nachmittag zusammen sind. Uwe Unger dazu: „Wir verstehen uns als Familie. Die Lehrer sind am Nachmittag auch nach dem Unterricht noch als Ansprechpartner für die Schüler da.” Auch für die Lehrer selbst habe das einen großen Vorteil, erzählt Markus Schmidt. „Sie nehmen Schulprobleme nicht mit nach Hause, können Arbeiten auch vor Ort korrigieren und besprechen. Dann haben sie daheim wirklich Feierabend.”

Damit sich jede Schülerin und jeder Schüler auf dem Campus so gut wie möglich entwickeln kann gibt es jede Woche viermal 100 Minuten Schwerpunkt-AGs. Ob Fußball, Basketball, Eishockey, Tanz, Golf, Kickboxen, Mädchenfußball, Tennis, Tischtennis, Gitarre, Klavier, Französisch, Italienisch oder Spanisch – hier kann vieles intensiviert werden, am DBBC gibt’s die Qual der Wahl.

Dass unterschiedliche Menschen unterschiedlich ticken, ist den Verantwortlichen bewusst. Und deshalb hört die Individualität nicht bei der Wahl der AG-Fächer auf. Uwe Unger beschreibt es so: „Uns ist auch der obernervigste Schüler nicht egal.” Und Markus Schmidt ergänzt: „Gleichbehandlung ist in meinen Augen die größte Ungerechtigkeit, bei uns darf jeder anders sein.” In der Praxis bedeutet dies: Die Grenzen des Erlaubten sind für alle Schüler gleich, nur die Konsequenz kann eine andere sein. Auf dem DBBC werden auch die persönlichen Hintergründe und spezielle Umstände berücksichtigt.

Mit einem weit verbreiteten Irrglauben will Uwe Unger dann auch noch aufräumen. „Wir sind keine Gesamtschule”, sagt er. Trotz der räumlichen Nähe und den Klassenzimmern, die alle unter einem Dach sind, werden im DBBC Mittel-, Real- und Fachoberschule sowie Akademie klar getrennt – ein Wechsel bei entsprechenden Noten ist für Schüler allerdings leicht möglich. Dass dieses Konzept ankommt, zeigen die aktuellen Zahlen. Waren auf dem DBBC 2016 noch 99 Prozent der 130 Schüler männlich und auf Fußball fixiert, so sind es in diesem Jahr 330 Schüler, unter denen immer mehr Mädchen sind und die aus dem üppigen individuellen AG-Angebot wählen. Sie und alle Mitglieder der Schulfamilie sind der fleischgewordene Beweis, dass die DBBC-Philosophie mittlerweile so viel mehr als eine Phrase ist: „Leben heißt lernen. Und Lernen heißt leben …”

Fotos vom Schüleraustausch 2019

 

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