„Das Freiheits-Virus hat München erreicht …”

Die AIB-Stimme schaute sich auf der „Demo für Frieden und Freiheit" in München um - ein Rundgang am 12. September

image_pdfimage_print

Grundschulkinder, die ab der kommenden Woche mit Maske im Unterricht sitzen müssen, Sport- und Kulturveranstaltungen vor fast leeren Rängen, Maskenpflicht beim Einkaufen in öffentlichen Verkehrsmitteln, Einschränkung von Grundrechten – manche Menschen finden das in Ordnung. Für andere wiederum ist das Diktatur, Nötigung etc.. Sie organisieren sich mittlerweile in ganz Deutschland und rufen zum Widerstand auf, organisieren Demos und fordern die Bürger auf, auf die Straße zu gehen. Dabei gab es widersprüchliche und verstörende Bilder aus Berlin. Jetzt haben die Organisatoren von „Querdenken” am vergangenen Samstag erneut eine Demo auf die Beine gestellt. Diesmal in München. Wir von der AIB-Stimme dachten uns: „wenn das so dicht vor unserer Nase ist, wollen wir uns davon selber ein Bild machen.” Deshalb sind wir den Tag über durch die Stadt gezogen.

Am Anfang steht die Suche. Nicht nach dem Beginn des Demonstrationszuges durch die Stadt, der seinen Anfang am Odeonsplatz nimmt, sondern nach den Rechten, die laut Medien diese Bewegung gekapert haben und stets vorne mitmarschieren würden. Doch München scheint anders als Berlin zu sein. Auch mit einem Fernglas ist hier beim besten Willen keine einzige Reichsflagge oder ähnliches zu sehen. Die am weitesten rechts einzuordnenden Fahnen sind ein Pro-Trump-Banner und einige weißblaue Bayern-Fahnen. Also trotten wir in sicherer Entfernung auf dem Gehweg mit, keine Gefahr von rechts. 500 Personen sind offiziell zugelassen. Natürlich sind es mehr, gezählt haben die weder Veranstalter noch die Polizei. Wie auch? Denn wer ist aktiv beim Demonstrationszug dabei – nur die Leute auf der Straße, oder auch die Menschen, die wie wir nebenan auf dem Gehweg mitschlendern? Als die Spitze des Zuges an der alten Pinakothek angekommen ist, hat für die Polizei der Spaß ein Loch. Sie stoppte den Zug. Denn den Beamten ist aufgefallen, dass die meisten der Teilnehmer zwar einen mehr als korrekten Abstand zueinander halten, aber viele von ihnen keinen Mund-Nasen-Schutz tragen. Seit gut einer Woche ist das nämlich auch unter freiem Himmel Vorschrift – vorausgesetzt es ist eine Versammlung.

Und da die Demo-Teilnehmer ja vor allem gegen diese Maßnahmen und Vorschriften auf die Straße gehen, ist es logisch, dass die überwiegende Mehrheit sich diesen Lappen nicht vors Gesicht hängen will. Es ist ungefähr so, als ob auf einer Veganer-Demo das Essen einer Leberkassemmel Vorschrift ist. Nach kurzem hin und her und einigen Durchsagen von Markus Haintz, dem juristischen Berater und Sprecher von „Querdenken”, ist klar – der Zug wird aufgelöst. Schließlich findet die Hauptkundgebung der „Demo für Frieden und Freiheit” am Nachmittag um 16 Uhr auf der Theresienwiese statt.

Diese wurde erst in der Nacht von Freitag auf Samstag vom Bayerischen Verwaltungsgerichtshof genehmigt, nachdem die ursprünglich geplante Kundgebung auf dem Odeonsplatz in der vergangenen Woche kurzfristig vom Kreisverwaltungsreferat der Stadt München verboten wurde. Was die Veranstalter zuerst ärgerte, dann aber erfreute: Die ursprünglich auf 5.000 und dann auf 1.000 Teilnehmer begrenzte Teilnehmerzahl wurde aufgehoben, schließlich ist die Theresienwiese mit rund 400.000 Quadratmetern groß genug, um Abstand halten zu können.

Nachdem der Zug also aufgelöst ist, überlegen wir, was zu tun ist: Einerseits per Plan im Internet ein „Demo Hopping” machen und mehrere kleine Demos zum Thema, die in der Stadt angemeldet sind, besuchen? Wir entscheiden uns zu einem Gang durch die City und so ganz entspannt und sehr rechtzeitig zur Theresienwiese zu kommen. Was auffällt: In der Innenstadt ist gut was los an diesem sonnigen Tag. Menschen en masse in der Kaufinger Straße, am Marienplatz und Stachus. Viel dichter aufeinander als beim Demo-Zug, die Prozentzahl der Maskenträger ist ungefähr ähnlich. Geschätzte zehn Prozent.

Auf der Theresienwiese haben sich mittlerweile einige tausend Menschen eingefunden, Polizei und Veranstalter sprechen am Ende dann ziemlich übereinstimmend von rund 10.000 Teilnehmern. Auch hier halten wir wieder Ausschau nach Rechten oder Nazis. Keine da. Außer drei, vier Typen, die für die Zeitschrift „Compact” werben, ein Magazin, das von der Tendenz her ein gutes stück rechts liegt. Also dann weitersuchen. Nach sogenannten Verschwörungstheoretikern. Doch wie sehen die aus? Das Gros der anwesenden Menschen wirkt eher wie typische Grünen-Wähler.

Die allerdings sind für ein Reporter-Team des BR, das mit Kameras und Mikro durch die Masse geht, eher uninteressant. Die Reporter suchen nach denen, die ein bisschen verrückter als der Durchschnitt ausschauen. Doch meistens erhalten sie bei ihren Anfragen nach einem Statement eine Abfuhr. Man will nicht gerne reden mit den „Mainstream Medien”.

Wir hören uns ebenfalls um. Helga S. ist mit ihrer Familie aus Vaterstetten angereist. Ist sie eine „Corona Leugnerin”? Wohl eher nicht. Dass das Virus da ist, will sie nicht abstreiten. Aber angesichts der ihrer Meinung nach künstlich nach oben gerechneten Zahlen durch den eklatanten Anstieg der umstrittenen PCR-Tests und den daraus resultierenden Maßnahmen wie Maskenpflicht in Kita und Grundschule will sie nicht länger still halten. „Mein Jüngster ist gerade in die erste Klasse gekommen. Die Masken machen ihm Angst”, sagt sie. „Und ich will mir später nicht vorwerfen lassen, dass ich nichts gegen diese Maßnahmen gemacht habe.” Ein Foto? „Besser nicht.”

Auch Dieter will nicht auf ein Bild. Aber reden will er schon. Der Mittvierziger ist mit seiner Lebensgefährtin aus Würzburg angereist und sorgt sich vor allem wegen der angekündigten Impfung. „Ich bin allerdings kein radikaler Impfgegner”, bemerkt er. „Doch eine Impfung, die neuartig ist, die Gene verändert und die eine so kurze Testphase durchlaufen soll, lehne ich ab.” Was ihn ebenfalls verwundert: „Die Russen haben schon einen Impfstoff entwickelt. Und den lehnen die westlichen Länder durch die Bank ab. Vordergründig, weil er so kurz getestet ist. Ich denke eher, dass die Tatsache, dass die Impfung dort umsonst und freiwillig ist, den Westen verstört.”

Zurück zur Kundgebung. Die startet pünktlich um 16 Uhr, wird aber erst einmal zu einer Lektion in Sachen Recht. Markus Haintz (Foto o.), der „Querdenken”-Anwalt, weist die 10.000 noch einmal auf die Vorgaben und auf ihre Rechte hin. Und er fordert die Menge auf, sich großzügig und so weiträumig wie möglich auf der Fläche zu verteilen. „Wir wollen der Polizei keinerlei Anlass geben, die Veranstaltung aufzulösen.” So ganz allmählich hat es auch der Letzte kapiert und die Abstandsregel wird hier vorbildlicher und korrekter befolgt, als es auf den „Black Lives Matter”-Demos oder bei anderen Veranstaltungen jemals war. Der Polizei reicht das immer noch nicht. Sie macht unter den Anwesenden immer noch zu viele Personen aus, die sich oben ohne zeigen und pocht auf Maskenpflicht.

Was dann kommt, erinnert an einen Pausenhof, bei dem der Aufsichtslehrer durchgeht. Trupps von schwarzgekleideten vermummten Polizeibeamten durchstreifen das Gelände mit prüfenden Blicken. Wer keine Maske an hat, muss ein Attest zeigen oder glaubhaft machen, dass er gesundheitliche oder „sonstige” Gründe hat, dass er dies nicht kann. Und wie es so ist bei derartigen Kontrollen und auf dem Schulhof, fängt ein Spiel an: Achtung, Polizei, die Maske auf. Kaum ist sie weg, kommt sie wieder runter. Kindergarten.

Währenddessen wird auf der Bühne das Programm durchgezogen. Redner wie Querdenken-Initiator Michael Ballweg oder Dr. Heiko Schöning, Begründer der Initiative „Ärzte für Aufklärung” begrüßen die Zuhörer unisono mit „Achtung, Achtung – das Freiheitsvirus hat jetzt München erreicht”. Sie führen noch einmal aus, was man in den sozialen Netzwerken und auf diversen Internet-Kanälen schon mehrfach gehört hat: Dass die Pandemie höchstenfalls eine „Plandemie” sei, dass mit Zahlen wild jongliert werde, um eine zweite Welle herbei zu reden. Als prominenter Gastredner ist neben Dr. Bodo Schiffmann auch der „Fernsehpfarrer” Jürgen Fliege dabei, der sich für seine Berufskollegen noch einmal „fremdschämt”, da sie die Kirchenschließungen vor allem zu Ostern so einfach hingenommen hätten. Moderator Nana Lifestyler freut sich dazwischen immer wieder über so viele „friedliche Menschen, die weder links noch rechts sind” und bittet um „Liebe”-Rufe, damit seine Familie in Ghana dies am Livestream direkt mitverfolgen kann. Dann ruft er immer wieder „Frieden”, die Zuhörer antworten getreu dem Demo-Motto lautstark mit „Freiheit”.

Als sich die Sonne so langsam über der Stadt senkt und die Schatten auf der Theresienwiese länger werden, geht die „Demo für Frieden und Freiheit” zu Ende und wir machen uns auf den Heimweg. Die Eindrücke, die bleiben, sind die, dass es wohl tatsächlich eine steigende Anzahl an Menschen gibt, die unbequeme Fragen an die Regierung stellen, und dass wir es zumindest in München mit Personen zu tun hatten, die dem Bild, das einem die großen Medien fast täglich vermitteln, nicht entsprechen. Man könnte ihnen den Stempel „ganz normale Leute” aufdrücken. Doch würde es dem gerecht? Denn was ist heute schon normal? Und: Ist das „Normale“ immer so gut?

 

 

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


Leitfaden für die Veröffentlichung von Kommentaren

3 Kommentare zu “„Das Freiheits-Virus hat München erreicht …”

  1. Nach „… Maskenpflicht beim Einkaufen in öffentlichen Verkehrsmitteln, …. – manche Menschen finden das in Ordnung … „ habe ich aufgehört zu lesen. Die Mehrzahl der Bevölkerung akzeptiert das! Einseitig …

    Antworten
    1. Hast nix verpasst …

      Antworten
  2. Das bei der Demo sehr viele Rechte dabei waren und auch die Querdenker z.B einen rechten Pressesprecher haben und sich nicht klar abgrenzen, bleibt in dem Artikel unerwähnt. Auch die Form relativ harmlose Massnahmen zu dramatisieren und als massiven Angriff zu deuten ist eine rechte Strategie.

    Antworten