Die beste Ausrede: „Ich esse gerade”

Schule in Zeiten von Corona: Jonas Bettger vom Jugendmagazin „around" blickt hinter die Kulissen der FOS/BOS in Rosenheim

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Rosenheim im Herbst 2020: Die Corona-Fallzahlen steigen massiv, trotz der Gegenmaßnahmen. Die Stadt ist seit Wochen auf den obersten Rängen bei den Infektionszahlen zu finden – deutschlandweit. Auch in den Schulen steigen die Fallzahlen. Besonders betroffen: Die Beruflichen Oberschulen FOS und BOS. Jonas Bettger ist nicht nur Schüler der FOS/BOS, sondern auch Redakteur des Jugend-Online-Magazins „around”, das vom Landkreis betrieben wird. Hier sein Erfahrungsbericht über die letzten Wochen in Sachen Corona und Schule sowie über den Schulalltag:


>>Nachdem ich mich im Pulk mit drängelnden Jugendlichen und Erwachsenen über den viel zu schmalen Bahnsteig gezwängt habe, auf dem die Masken spätestens nach Verlassen des Zuges abgenommen werden, um die morgendliche Zigarette anzuzünden, geht es mit der Menge an Berufsschülern, Studenten, aber auch Schülern der FOS/BOS Richtung Schule. Dort angekommen, herrscht eigentlich auf dem Schulgelände Maskenpflicht. Doch die umgehen viele Schüler, indem sie auf den angrenzenden Parkplatz der Fachhochschule gehen und dort eng beieinander stehenden zu rauchen und sich zu unterhalten – alle Maßnahmen außer Kraft, keiner der hier Einhalt gebietet. Auf den Gängen und in den Klassenzimmern ähnliche Bilder: Grüppchenbildung, keine Masken. Weder in der Pause noch nachmittags und schon gar nicht vor dem Unterricht. In Mode gekommen ist mittlerweile die Ausrede: „Ich esse gerade”. 

 

Maskenpflicht im Unterricht

Die ersten zwei Schulwochen nach den Sommerferien mussten Schüler und Lehrer auch im Unterreicht den Mund-Nase-Schutz tragen. Zum Leid und Ärger vieler Schüler. Auch mir fiel und fällt das Maske-Tragen schwer. Es ist einfach nicht mehr so leicht und unbeschwert, manchmal möchte ich sie mir vor Hitzewallungen oder knapper Luft am liebsten vom Gesicht reißen. Zudem bin ich mit vielen neuen Schülern in die 13.Klasse gekommen. Von einigen hatte ich erstmal überhaupt kein Gesicht vor Augen, ich sah nur Maskenmenschen, die völlig inkognito im Einheitsbrei der Maskengesichter verschwammen.

 

Doch ich weiß und sage es auch ganz klar: Es geht einfach nicht ohne. Ich habe die Maske auch vor dem Sommer schon gefordert, allen Einschränkungen zum Trotz. Die einzige Alternative wäre der Heimunterricht. Aus Gründen des für einen Wirtschaftsstandort unwürdig schlechten Ausbauzustands des Internets zuhause ist das aber für viele keine Alternative, auch wenn mir persönlich das vielleicht sogar lieber wäre anstatt dauerhafter Maskenunterricht. Bei aller Klage muss aber auch gesagt werden: Wir haben es ja eh noch gut. Altenpfleger, Krankenschwestern oder Ärzte tragen einen solchen Mundschutz oft sehr viel länger, als wir. Sechs Stunden sind da noch wenig.

 

Für uns gab es erstmal nur die morgendliche Pause von 20 Minuten – abzüglich Maske überziehen, um raus und wieder rein zu gehen, effektiv also zwölf Minuten, in denen man die Maske abnehmen konnte. Was mich daran störte: In Berufen, in denen die Maske getragen werden muss, gibt es zumindest theoretisch ein Recht auf eine quasi „Atempause”, eine Pause also zum Durchschnaufen. Die hatten wir nicht! Kein Wunder also, dass Lehrer und Schüler zugleich über Kopfschmerzen und Kreislaufprobleme klagten. Ein Zustand, wie ihn vielleicht auch so mancher Politiker, der die Maskenpflicht ohne Ausgleichsmaßnahmen fordert, erlebt haben sollte.

 

Nach zwei Wochen durften wir die Maske im Unterricht abnehmen, und das, obwohl wir keine Abstände halten (können). Wir sitzen dicht an dicht. Draußen jedoch, in der Pause, sollen wir dann Abstände halten – und zwar mit Maske. Wie ist das zu erklären? Was macht das für einen Sinn? Und wo ist ohne Maske und Abstand bitte die Risikofreiheit? Für welche Hygienemaßnahmen loben sich die Politik, Gesundheitsämter und die Schulleitungen hier eigentlich genau?

 

Was ich überhaupt nicht lustig finde, ist, dass sich bei der Schule auf den Drei-Punkte-Plan berufen wird. Der sieht zwar vor, bei wie vielen Infektionen im Landkreis die Masken wieder im Unterricht getragen werden müssen, nicht aber so essenzielle Dinge, wie genau Schulen zum Beispiel auf dem Gang Abstände möglich machen müssen. All das sind frei auslegbare Erwartungen, keine Verpflichtungen. Daher läuft das auch nicht. Hier hat die Politik bisher versäumt, ins Detail zu gehen, um Schulen den Alltag mit viel zu engen Gängen und viel zu vielen Schülern auf wenig Raum zu erleichtern.

 

Und nun? Läuft bei uns…!

In der Stadt Rosenheim hatte der Inzidenzwert zunächst zum wiederholten Malealle Grenzwerte gesprengt, bei der erste Maßnahmen unternommen werden sollen. Das hieß für uns nach etwa nur einer Woche: wieder Maske tragen im Unterricht. Die Infektionszahlen sind, wie ich erwartet hatte, innerhalb eines Tages sprunghaft angestiegen. Und sogar der Landkreis Rosenheim, der bisher noch recht gute Zahlen im Vergleich zu den hohen der Stadt hatte, hatte die 100 mittlerweile gerissen. Trotzdem galt die Maskenpflicht nicht sofort. Welchen Unterschied gibt es da, dass trotz dramatischer Infektionslage und für sich sprechender Zahlen der einzig richtigen Maßnahme Aufschub gewährt wird? Ich tue mir mittlerweile sehr schwer, Sinn und Verstand nachzuvollziehen.

 

Lüften und Desinfektion gab es doch auch noch, oder…?!

Richtig, im Mai noch furchtbar wichtig und unerlässlich, kommen die Desinfektionsmittelflaschen im Klassenzimmer heute kaum mehr zum Einsatz. Klassenzimmerwechsel finden ohne sofortigen Luftaustausch oder Reinigung der Tische statt und das obwohl hier sogar Leute ihr Essen oder benutzte Taschentücher darauf ablegen. Trotz Zweifel an der Übertragung über Oberflächen, ein Punkt, der Signalwert hat und die Ernsthaftigkeit der Lage zeigt.

Und auch um das Lüften ist es nicht sonderlich gut bestellt: Man bekommt in vielen Klassen die Fenster kaum auf, weil die Räume so klein sind, dass sonst nicht alle Tische hineinpassen würden. Die Tür aber lässt sich auch nur unter Schwierigkeiten wirklich sinnvoll offenhalten und mein Klassenzimmer liegt noch dazu in einem mit einer weiteren Tür abgetrennten Bereich des Schulhauses. Luftzirkulation geht da nur bis vor die Klassenzimmertür, weiter nicht. Die Effektivität möchte ich daher stark anzweifeln. Zugute halten möchte ich allerdings: Meine Schule hat einen Erinnerungsgong, der uns alle 30 Minuten ans Lüften erinnert. Doch selbst bei Klassenwechseln: Sofort gelüftet wird meist nicht und so sitzt man erstmal bis zum nächsten Gong im konzentrierten Aerosol der vorherigen Klasse!

 

Auch schwierig: Die Einbahnregelungen. Die FOS hat festgelegte Wege, wo man bei der einen Treppe nur raufgehen darf, bei der anderen nur runter. Bis vor kurzem war das „runter” nur auf einer einzigen Treppe erlaubt. Die Folge war, dass sich sowohl Schüler, als auch (traurigerweise) Lehrer im Pulk nach Unterrichtsende auf diese Treppe gezwängt haben. Keiner hat gewartet, niemand Abstände berücksichtigt, teilweise wurden sogar die Masken trotz Verbot abgenommen. Eng ist es auch und das alles verleitet viele dazu, die Regelungen zu missachten und auch andere Treppen entgegen der vorgeschrieben Richtung zu nutzen. Mein Psychologie-Lehrer hat sich dem angenommen und droht Schülern immer mit lachendem und weinendem Auge, den Führerschein abzunehmen. Ich allerdings finde das nicht lustig, denn regelmäßig quetschen sich an mir Schüler vorbei und daher spreche ich die Regelverstöße regelmäßig an. Zudem ist ebendiese Treppe noch aus einem anderen Grund sehr problematisch: Sie ist sehr rutschig, gerade beim momentanen Herbstwetter. Anti-Rutsch-Auflagen, die seit Jahren angedacht waren, dürfen nicht angebracht werden, da der Architekt des Gebäudes dies boykottiert. Es würde wohl das Gesamtbild stören, oder was? Anscheinend muss erst was passieren, denn es ist wirklich sehr gefährlich. Die Schule scheint hier machtlos, dem Kunstzweck sei Dank.

 

Ich habe mittlerweile Appell an das Rosenheimer Gesundheitsamt per E-Mail verfasst, da dieses nicht telefonisch erreichbar ist, es geht niemand ran. Auch auf meine Mail wurde nicht geantwortet bisher. Der FOS/BOS Rosenheim wird trotz mittlerweile zirka zehn Klassen und mehreren Lehrkräfte in Quarantäne nicht gestattet, einen Online-Unterricht nicht nur für die Klassen in Quarantäne anzubieten, sondern für alle Klassen, um die dramatische Zuspitzung der Lage und die Überlastung mit der Nachverfolgung der Schulleitung zu durchbrechen. Jeden Tag werden hier neue Fälle bekannt, seit Tagen vergeht kein Tag ohne neue Klassen in Quarantäne. Dennoch genehmigt das Amt keinen Heimunterricht, was ich angesichts der Ausmaße als völlig unverantwortlich und unsensibel erachte.

Auch werden die betreffenden Leute nach wie vor nur unzureichend informiert, und das, obwohl bis auf eine 13. Klasse alle anderen Klassen der Jahrgangsstufe 13 aus allen Zweigen in Quarantäne sind.<<

 

JONAS BETTGER / Foto: https://www.around-rosenheim.de/

 

Jonas Bettger hat auch bereits über die mangelhaften Zuständen in Bussen udn Bahnen berichtet:

„Null Abstand in der Bahn”

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