Hoffen auf den Neustart

Besonders hart trifft Corona seit Monaten die Tourismusbranche. Über die bisherigen Auswirkungen, über die aktuellen politischen Beschlüsse und über die Zukunftsperspektiven haben wir mit dem Präsidenten des Tourismusverbandes Oberbayern-München und tourismuspolitischem Sprecher der CSU-Landtagsfraktion in Bayern – Klaus Stöttner – gesprochen …

Oberbayern hat bislang eine Spitzenstellung im bundesdeutschen Tourismus eingenommen …

Klaus Stöttner: Ja, Oberbayern konnte in den vergangenen Jahren seine Spitzenposition im Tourismus verteidigen und erhalten. Lauf Eurostat befinden wir uns im Ranking der 20 stärksten Tourismusregionen Europas, zugleich stehen wir für rund 50 Prozent des Tourismusgeschehens in Bayern.

2019 lagen die Übernachtungszahlen bei 42 Millionen – der Bruttoumsatz aus dem oberbayerischen Tourismus lag  mit 15,3 Milliarden Euro auf einem Spitzenniveau. Bis 2019 konnte sich der Tourismus in Oberbayern sehr positiv entwickeln – auch im Vergleich zum Wettbewerbsumfeld.

Nichts war dann 2020 wie in den Vorjahren …

Die endgültigen Übernachtungszahlen für das Jahr 2020 stehen noch nicht fest, sie werden erst im Rahmen der Pressekonferenz der Bayern Tourismus Marketing GmbH im Februar bekannt gegeben.

Dennoch lässt sich schon jetzt sagen, dass die Tourismusentwicklung im zurückliegenden Pandemie-Jahr stark hinter den glänzenden Zahlen von 2019 zurückgeblieben ist.

Die Übernachtungszahlen von Januar bis November 2020 sanken im Vergleich zum Vorjahr um minus 42 Prozent – die Gästeankünfte sogar um minus 53 Prozent!

Der erste Lockdown von März bis Mai führte nahezu zum Erliegen des Tourismusgeschehens verbunden mit Umsatz-Einbußen in Höhe von 2,4 Milliarden Euro für die oberbayerische Tourismuswirtschaft.

Über die Sommermonate dann konnten gerade die ländlichen Seen-Regionen eine starke Nachfrage aus dem Inland verzeichnen, einzelne Destinationen näherten sich bis Herbst einer schwarzen Null. Anders sah die Situation für den Städtetourismus aus.

Gerade in München, aber auch in Rosenheim oder Ingolstadt kam der Geschäftsreise-Tourismus auch ab Juni nicht in Gang. Fehlende Flugverbindungen, fehlendes Messegeschäft und mangelnde Nachfrage nach Städtetourismus sorgzen für Einbußen von bis 50 Prozent in den Sommermonaten.

Der neuerliche Lockdown ab November nun brachte den Tourismus in Oberbayern dann wieder zum Jahresende nahezu vollständig zum Erliegen.

Sind die Einschränkungen wegen Corona Ihrer Ansicht nach nicht nur wichtig, sondern auch richtig?

Die Einschränkungen sind für die Tourismusbranche sehr schmerzhaft, aber mit Blick auf das aktuelle Infektionsgeschehen unverzichtbar.

Wir wollen rasch eine Absenkung der Inzidenz unter 50 erreichen und die Pandemie 2021 auch dank der neuen Impfstoffe in den Griff bekommen.

Ziel ist es, dass wir zumindest nach der Wintersaison den Tourismus wieder schrittweise hoch fahren können.

Die Gastronomie und Hotellerie waren mit Extra-Hygiene-Konzepten gerüstet und wurden dann wieder geschlossen – war das notwendig?

Es ist wichtig, dass die Tourismusbetriebe über die November und Dezemberhilfen gestützt werden und auch in den Genuss der Überbrückungshilfe III kommen. Der Tourismus ist kein Infektionstreiber, leistet aber seinen Beitrag zur Eindämmung der Zahlen.

Das war und ist eine gesamtgesellschaftliche und -wirtschaftliche Aufgabe, der auch wir uns gestellt haben. Wir müssen aber alles daran setzen, dass die Betriebe die Pandemie überleben. Daher setze ich mich auch künftig dafür ein, dass es Hilfen für die Tourismusbetriebe geben wird.

Dazu gehören nicht nur die Unterkunftsbetriebe, sondern auch der Seilbahnbetreiber, das Erlebnisbad, das Museum oder der Gästeführer. Wir brauchen das gesamte Netzwerk, um den Tourismus nach der Krise wieder hochfahren zu können.

Tourismus und Investitionen sind gegenseitige Förderer – welche Förderungen sind aktuell?

Auf der einen Seite gibt es die bereits zitierten Überbrückungshilfen, um die Folgen der Corona-Krise für die Tourismusbetriebe abzumildern. Auf der anderen Seite haben wir in Kooperation mit der Regierung von Oberbayern einen Förder-Leitfaden initiiert, der alle tourismusrelevanten Förderprogramme übersichtlich darstellt. Das reicht von der Förderung regionaler Tourismusprojekte über RÖFE – Förderung, das Gaststätten-Modernisierungs-Programm – bis hin zur Seilbahnförderung.

Was sind Ihre Wünsche, Prognosen und Projekte als Präsident des Tourismusverbandes Oberbayern-München?

Ich wünsche mir zu allererst, dass wir die Corona-Krise möglichst bald hinter uns lassen können und dass möglichst viele Tourismusbetriebe die Krise überstehen und rasch wieder eine solide Umsatz- und Geschäftsbasis erhalten.

Alle Umfragen zeigen, dass das Interesse an Oberbayern als Reiseziel ungebrochen hoch ist. Insofern gehe ich davon aus, dass wir nach der Krise kein Nachfrage-Problem haben werden.

Es wird wichtig sein, dass wir neue Entwicklungen offensiv angehen. Die Krise hat uns einen Digitalisierungsschub beschert, hier müssen wir unseren Beitrag leisten – die Digitalisierungskompetenz in der Region und bei Betrieben ausbauen und stärken.

Auch die Themen Besucherlenkung werden uns künftig dauerhaft begleiten, wie es gelingt vor allem die Tagesbesucher auf Basis eines modernen Datenmanagements effektiv zu steuern.

Es braucht auch neue Konzepte für den Geschäftsreise-Tourismus, in dem persönliche Vernetzung und digitale Formate sich gegenseitig ergänzen. Wir als TOM e.V. sind die Tourismus-Plattform, die alle Partner vernetzt, wertvolles Wissen liefert und in den genannten Bereichen schon heute aktiv ist.

Das Interview führte Anton Hötzelsperger.

Foto: Hötzelsperger