„Unruhige Zeiten – mehr Mut zur kreativen Kommunikation“, so lautete das Thema des Fachvortrags beim Rosenheimer Kreisbauerntag, der heuer erstmals online durchgeführt wurde (wir berichteten) und zu dem der aus dem Rheinland stammende Experte Dr. Willi Kremer-Schillings, bekannt als „Bauer Willi“ den bäuerlichen Verantwortungsträgern zugeschaltet wurde.

Dr. Willi Kremer-Schillings stammt aus einem rund 40 Hektar großen Ackerbau-Betrieb nahe Köln und er erklärte zu Beginn: „Für eine berufliche Existenz war der Betrieb zu klein, so dass ich studierte, promovierte und 37 Jahre außerhalb der Landwirtschaft tätig war. In meinem Vorruhestand kehrte ich dann in die Landwirtschaft meiner Familie wieder zurück und bekam schnell viel Aufmerksamkeit.“ Damit meinte er seine Briefe „An die lieben Nachbarn“ und „An die lieben Verbraucher“, die er an Leute richtete, die sich aus der Stadt kommend ländlich niedergelassen haben und die aufgeklärt werden sollten.

„Nachdem meine Botschaften millionenfach gelesen wurden, begann ich in den sozialen Netzwerken mit einem eigenen Blog aufzutreten, das Interesse ist weiterhin da, das zeigen meine inzwischen 1.800 Artikel und 93.000 Kommentare, die ich erhalten habe. Die Arbeit macht Spaß und lohnt sich.“

Mit seiner Erfahrung möchte „Bauer Willi“ auch die Rosenheimer Bäuerinnen und Bauern ermuntern, selbst mehr in Sachen Kommunikation aktiv zu werden und er erinnerte sich: „Mein erster Brief an die Verbraucher entstand, als ich bei einem Nachbarn den vertragslosen Verkauf von 25 Tonnen Kartoffeln zum Preis von 250 Euro, also von einem Cent pro Kilo wahrnahm, da wurde mir klar, dass Aufklärung und Selbstbewusstsein wachsen müssen.“ Seine Frage „Wie geht es uns Landwirten?“ beantwortete er gleich selbst und direkt mit dem Satz: „Wir fühlen uns unwohl!“.

 

„Bauern sind fleißig und beliebt, ihre Arbeit aber ist ohne große Wertschätzung“

„Wir und Ihr Bauern sind fleißig, lieben die Tiere und tragen unternehmerisches Risiko, doch worüber diskutiert die Gesellschaft? Da hört man hauptsächlich negative Begriffe wie Massentierhaltung, Bienensterben, Gentechnik oder Grundwasserverseuchung. Deswegen müssen wir uns den Verbrauchern und auch den Journalisten und Medien stellen, denn deren oftmaliges Geringwissen ist im Grunde der Skandal.“

Dazu erläuterte der Referent folgendes Bild: „Verbraucher fahren über Brücken und vertrauen den Bauherrn und den Bauwerken, auch in den Supermärkten wird bedenkenlos eingekauft. Auch hat nach Umfragen der Bauer nach Piloten und Ärzten ein gutes Personen-Image. Dennoch wird die landwirtschaftliche Arbeit und Erzeugungsweise falsch diskutiert und vermittelt.“

Aus diesem Grund empfiehlt er den bäuerlichen Organisationen ihre Öffentlichkeitsarbeit zu optimieren, denn „einfache Lügen haben es leichter als komplizierte Wahrheiten und landwirtschaftliche Erzeugung ist komplex.“ Kritisch merkte der Fachmann für Öffentlichkeitsarbeit an: „Kritiker haben es einfacher, sie haben oft wenig Hintergrundwissen, sie kommen oft auf das Land ohne persönliche Beziehung zur Landwirtschaft.“ Er habe einmal erlebt, wie eine Kundin in einem Laden für ihren Garten Kartoffel-Samen kaufen wollte.

„Der Anders-Denkende ist kein Idiot, er hat sich nur eine andere Wirklichkeit konstruiert“ – mit diesem Zitat schlug Bauer Willi vor, die bäuerliche Jammer-Grundhaltung zu ändern und zwar mit dem Grundsatz: „Wir Bauern sind Unternehmer, also unternehmen wir was.“ Als praktische Anleitungen empfahl er zum Beispiel Hof-Einladungen für Nachbarn, Kindergärten oder Schulen, auf Journalisten und Medien mit der Vielfalt an bäuerlichen Themen zuzugehen, sich in den modernen Kommunikations-Techniken schulen zu lassen und sich an Diskussionen sachlich und vor allem ehrlich zu beteiligen, dazu sagte der Buch-Autor: „Landwirte greifen seit elftausend Jahren in die Natur ein und machen sich die Erde untertan, als ich 1954 zur Welt kam gab es 2,7 Milliarden Erdenbürger, heute sind es 7,7 Milliarden, weil wir Bauern sie ernährt haben und jetzt haben wir das Gefühl, Opfer des eigenen Erfolgs zu werden.“

Abschließend hatte der fröhliche und mutmachende Rheinländer noch folgende Sprichwörter parat: „Wer neue Ufer erreichen möchte, muss den Hafen verlassen“ oder „Wer sich bewegt, fällt auch auf einem schwankenden Schiff nicht um“ sowie „Es kommt nicht darauf an, woher der Wind weht, sondern wie wir unsere Segel setzen.“

An der darauf folgenden und regen Diskussion beteiligten sich unter anderem auch der stellvertretende BBV-Kreisobmann Klaus Gschwendtner und Kreisbäuerin Katharina Kern. Sie dankten Bauer Willi für die gewährten Einblicke in seinen reichen Erfahrungsschatz auf dem Gebiet der Öffentlichkeitsarbeit.

Anton Hötzelsperger