„Wir beobachten mit Sorge die zunehmende Zahl der 50- bis 60-jährigen Patienten auf den Intensivstationen der Region. Die dominierende britische Variante bewirkt nicht nur eine schnellere Infektionsübertragung sondern sie ist von der Schwere der Erkrankungen auch gefährlicher.“ Das unterstreicht Dr. Wolfgang Hierl, Leiter des Staatlichen Gesundheitsamtes Rosenheim, im aktuellen Corna-Wochenbericht für die Stadt und den Landkreis, der heute Mittag veröffentlicht wurde. Sorge bereitet dem Gesundheitsamt die weiterhin hohen Ansteckungsraten im privaten Bereich und an den Arbeitsstellen. Der Lagebericht:

Das Staatliche Gesundheitsamt Rosenheim weist darauf hin, dass seit Mitte Februar zunächst ein anhaltender Anstieg des Infektionsgeschehens in der Region bestand. Von Mitte März bis Anfang April zeigte sich ein rückläufiger Trend mit einem Tiefpunkt der täglich übermittelten Infektionszahlen in der Osterwoche. Dies ist aus Sicht des Gesundheitsamtes – wie auch auf Bundesebene – durch die geringeren Testzahlen während der Osterferien zu erklären. Seitdem steigt die 7-Tage-Inzidenz in Stadt und Landkreis wieder kontinuierlich an.

 

In der Stadt Rosenheim wurde der niedrigste Wert der 7-Tage-Inzidenz am 18. Februar mit 36,2 erreicht und ein Maximum mit 218,7 am 16. März. Zwischen 17. März und 5. April zeigte sich ein rückläufiger Trend auf einen Tiefststand von 89,7 am 5. April. Seitdem stieg die 7-Tage-Inzidenz kontinuierlich an auf einen bisherigen Höchststand von 173,1 am 22. April.

Im Landkreis Rosenheim stieg dieser Wert von 42,5 am 13. Februar auf 108,3 am 20. März, fiel zwischenzeitlich auf einen Wert von 67,4 (7. April) und stieg danach kontinuierlich auf ein Maximum von 139,7 am 14. April. Aktuell liegt die Marke bei 137,0.

Seit dem letzten Wochenbericht wurden dem Gesundheitsamt Rosenheim täglich zwischen 27 und 96 neue Fälle (insgesamt 468 Neumeldungen) gemeldet.

 

Aktuelle Lage in den Klinike

„Die Belegung der Kliniken durch Patienten mit Covid-19 ist in unserem Rettungsdienstbereich seit einiger Zeit wieder konstant hoch. Derzeit werden auf den Intensivstationen in Stadt und Landkreis Rosenheim 20 Patienten behandelt, auf den Normalstationen zirka 70 Patienten. Im Vergleich zu den ersten beiden Wellen der Pandemie fällt auf, dass sich das Verhältnis der zu behandelnden Patienten in Richtung der Intensivstationen verschoben hat. Die Altersspanne der behandelten Patienten dort liegt zwischen 30 und 80 Jahren, wobei der Schwerpunkt auf den 50 bis 60-jährigen Personen liegt. Viele Patienten weisen zwar Risikofaktoren, wie zum Beispiel Diabetes oder Adipositas („Fettleibigkeit“), auf, sind aber bisher nicht durch eine große Krankheitsschwere oder starke Einschränkungen im Alltag belastet gewesen“, so der Leiter des Gesundheitsamtes.

Bei der Bewertung der öffentlich zur Verfügung stehenden Daten, beispielsweise über das DIVI-Intensivregister, muss beachtet werden, dass es sich hier immer nur um Momentaufnahmen handelt. Das heißt, dass sich die Situation im Laufe des Tages ständig ändert und die Behandlungen immer von den Bedürfnissen der Patienten abhängig sind. So werden Patienten in gebesserter Verfassung auf eine Normalstation verlegt, wodurch wieder weitere Intensivkapazitäten entstehen können, die in der Statistik aber noch nicht erfasst wurden“, bewertet Dr. Michael Städtler, Ärztlicher Leiter Krankenhauskoordinierung für den Rettungsdienstbereich Rosenheim, die Situation in den Kliniken.

 

Besorgniserregende Varianten

Die besorgniserregenden Varianten des Coronavirus bilden auch in der Region die Mehrzahl der Fälle: Bislang wurden dem Gesundheitsamt 1.993 Fälle einer bestätigten besorgniserregenden Variante gemeldet. Seit dem letzten Wochenbericht wurden 316 Fälle der britischen Variante von zuvor positiv in der PCR getesteten Personen gemeldet. Bislang ist in der Rosenheimer Region weiterhin lediglich ein bestätigter Fall der südafrikanischen Variante dem Gesundheitsamt gemeldet worden, über den bereits berichtet wurde. Die brasilianische Mutation wurde nicht nachgewiesen.

 

Für Verdachtsfälle sowie bestätigte Fälle einer besorgniserregenden Variante gelten strengere Infektionsschutzmaßnahmen: Neben einer 14-tägigen häuslichen Quarantäne, die nicht verkürzt werden kann, ist für die Beendigung der Quarantäne zusätzlich ein negatives Testergebnis erforderlich. Diese Maßnahmen gelten auch für die engen Kontaktpersonen der Kategorie I.

 

Infektionsschutzmaßnahmen

Trotz hoher Fallzahlen kann das Gesundheitsamt weiterhin die positiv Gemeldeten tagesaktuell telefonisch und schriftlich über ihre Infektion informieren und die erforderlichen Infektionsschutzmaßnahmen anordnen. Auch die engen Kontaktpersonen können zeitnah kontaktiert und ebenfalls eine häusliche Quarantäne angeordnet werden.

„Während der Osterferien war in der Region ein Rückgang der neu gemeldeten Fallzahlen zu verzeichnen. Diese ‚Osterdelle‘ ist aber artifiziell und darf nicht mit einem wirklichen Rückgang der Infektionsaktivität in der Region verwechselt werden. Sie ist vielmehr – wie auch im restlichen Bundesgebiet – Ausdruck für geringere Testzahlen. Die Werte der 7-Tage-Inzidenz steigen weiter kontinuierlich an, so dass weiterhin keine Entwarnung gegeben werden kann“, so Dr. Hierl.

Der Anteil der besorgniserregenden Varianten an allen positiven PCR-Ergebnissen lag im April bei etwa 67 Prozent. Die britische Variante hat damit das ursprüngliche Virus abgelöst, was die hohe Anzahl von Neuinfektionen zur Folge hat. Die besorgniserregenden Varianten können den Verlauf der Pandemie verschlimmern, zu einer schnelleren Verbreitung der Infektionen, zu schwereren Verläufen, zu erhöhter Sterblichkeit und zu einer Überlastung der Intensivstationen führen. Bei einzelnen Sonderformen der besorgniserregenden Varianten kann sogar eine schlechtere Schutzwirkung der Impfung oder einer in der Vergangenheit durchgemachten Infektion resultieren. Nach wie vor befindet sich die Region Rosenheim inmitten der 3. Welle. Die Infektionen breiten sich ungehindert aus. An weitere Lockerungen ist aktuell – auch mit strengen Infektionsschutzmaßnahmen – nicht zu denken.“

Der Leiter des Gesundheitsamtes weiter: „Wir dürfen nicht riskieren, dass durch Unachtsamkeit und Unvernunft die Infektionszahlen weiter durch die Decke gehen und so schweren Erkrankungen den Weg bereiten. Zudem nähern sich die Intensivstationen in der Belegung einer kritischen Marke. Auch wenn die Impfungen in der Region schon weit fortgeschritten sind, so gibt es weiterhin eine sehr große Zahl vulnerabler Personen aufgrund Alters oder schwerer chronischer Grunderkrankungen. Wir beobachten mit Sorge die zunehmende Zahl der 50- bis 60-jährigen Patienten auf den Intensivstationen der Region. Die dominierende britische Variante bewirkt nicht nur eine schnellere Infektionsübertragung sondern sie ist von der Schwere der Erkrankungen auch gefährlicher.“

Und weiter: „Bedeutsam hierbei ist die Tatsache, dass aktuell deutlich über die Hälfte aller Neuinfektionen im privaten Umfeld Familie und Freundeskreis stattfinden. Jeder Einzelne hat es in der Hand, Übertragungen zu verhindern und dadurch beizutragen, dass sich das öffentliche Leben Stück für Stück wieder normalisieren kann. Leider ist mittlerweile eine gewisse Müdigkeit in Teilen der Bevölkerung zu verzeichnen, sich an die bewährten Hygiene- und Abstandsregeln zu halten. Neben der Kurve der Infektionszahlen bereitet uns der Anstieg der Kurve der Unvernunft große Sorgen. Ich appelliere daher zum wiederholten Mal an jede Bürgerin und jeden Bürger, die bekannten AHA-L-Regeln einzuhalten, sich impfen zu lassen und weiterhin auf Reisen zu verzichten. Wir haben die Waffen, den unsichtbaren Feind zu bekämpfen und zu besiegen, geben Sie sich einen Ruck, seien Sie konsequent, rücksichtsvoll und mitmenschlich in Ihrem Verhalten, damit wir alle aus diesem langen Winter herauskommen hin zu einem Frühlingserwachen mit geöffneten Geschäften und Gastronomiebetrieben, Präsenzunterricht in Schulen und erweiterten sozialen Aktivitäten.“

Der Leiter des Staatlichen Gesundheitsamtes Rosenheim: „Das Gesundheitsamt beobachtet auch weiterhin viele Infektionen am Arbeitsplatz (13 Prozent). Als besondere Schwachstellen können hier Großraumbüros, unzuverlässiges Maskentragen, Verstöße gegen das Abstandsgebot, zum Beispiel in Pausen- oder Umkleideräumen, und unzureichendes Lüften ausgemacht werden. Wenn solche Ansteckungsmöglichkeiten geboten werden, kann sich die britische Variante leicht ausbreiten mit der Folge, dass zum Teil ganze Betriebsbereiche aufgrund notwendiger Quarantäneanordnungen stillgelegt werden müssen. Die Unternehmen sollten wo immer möglich großzügig Gebrauch von Homeoffice-Regelungen machen.“

 

Infektionsquellen

Infektionsübertragungen ereignen sich weiterhin überwiegend im privaten Umfeld, das 61 Prozent der bekannten Infektionsursachen ausmacht. Etwa 13 Prozent fallen auf den Arbeitsplatz. Vereinzelt (zirka 2 Prozent) kommt es zu Infektionserkrankungen in Einrichtungen wie Kliniken, Pflege- und Behindertenheimen. Als Lichtblick sieht das Gesundheitsamt, dass kaum mehr Infektionen bei Bewohnern von Heimen auftreten. „Dies ist ein großer Erfolg der Impfungen in den Einrichtungen“, so Hierl. Allerdings treten immer wieder einzelne Infektionen beim Pflegepersonal auf: derzeit sind in 9 Heimen 10 Mitarbeiter betroffen. „Bei der Bereitschaft des Personals für Impfungen ist noch deutlich Luft nach oben“, so Hierl.

Es ereignen sich auch weiterhin einzelne Fälle und Ausbrüche in Schulen und Kitas (2 Prozent). Seit letzter Woche werden in den Schulen und Kitas in Stadt und Landkreis Selbsttests durchgeführt. Dem Gesundheitsamt wurden in den Schulen in Stadt und Landkreis Rosenheim in den Monaten Februar, März und April ausgehend vom Ermittlungsdatum insgesamt 78 COVID-19-Fälle gemeldet:

·        Im Februar insgesamt 9 Fälle in 7 Schulen. Es kam in keinem der Fälle zu Folgefällen in den Klassen.

·        Im März insgesamt 56 Fälle in 25 Schulen. In 6 Fällen handelte es sich um einen Ausbruch mit mehr als einer betroffenen Person pro Klasse. Es kam zu einem größeren Ausbruch mit 21 Folgefällen in einem Internat.

·        Im April wurden bisher insgesamt 13 Fälle in 10 Schulen gemeldet. In zwei Schulen konnten ein bzw. zwei Folgefälle verzeichnet werden. Die Infektionsketten eines der beiden Geschehen sind nachvollziehbar und nicht auf das Schulsetting zurückzuführen. Seit dem letzten Wochenbericht kam es zu 6 neuen Fällen in Schulen.

·        Mit Stand 22. April liegen dem Gesundheitsamt 27 Meldungen von positiven Selbsttestungen vor, davon 6 aus Kitas und 21 aus Schulen. Von den 27 positiven Selbsttestungen wurden bislang 17 mit positiver PCR bestätigt.

 

Überwiegend werden die Fälle im Rahmen von Untersuchungen bei der Kontaktpersonennachverfolgung (ca. 44 Prozent) und bei Testungen aufgrund von Symptomen (ca. 35 Prozent) entdeckt. Etwa 14 Prozent der Fälle werden im Rahmen von Reihentestungen entdeckt. Dies unterstreicht die Bedeutung von regelmäßigen Reihentestungen in Betrieben und Gemeinschaftseinrichtungen.

 

Impfungen

Insgesamt sind ca. 80.000 Impfungen seit Impfstart vor allem in Alten- und Pflegeheimen, Krankenhäusern sowie dem gemeinsamen Impfzentrum von Stadt und Landkreis Rosenheim auf der Loretowiese erfolgt. 58.591 davon waren Erstimpfungen, 21.367 Zweitimpfungen. Insgesamt 9.249 dieser Impfungen wurden in stationären Einrichtungen sowie betreuten Wohnformen in Stadt und Landkreis Rosenheim verabreicht.

Seit dem 29. März ist das zweite Impfzentrum auf der Loretowiese in Betrieb, sodass – abhängig von der verfügbaren Menge an Impfstoff – die Impfkapazität des gemeinsamen Impfzentrums Rosenheim deutlich erhöht werden konnte. Seit dem 19. April wird dem Impfzentrum kein Impfstoff der Firma AstraZeneca mehr für Erstimpfungen geliefert.

 

Für Erstimpfungen stehen dem Impfzentrum die Impfstoffe von Biontech-Pfizer und Moderna zur Verfügung.

 

Seit dem 31. März werden in Stadt und Landkreis Rosenheim auch Impfungen gegen COVID-19 in Arztpraxen durchgeführt. Bis einschließlich 22 April konnten durch die niedergelassenen Ärzte bereits 11.264 Erst- und Zweitimpfungen durchgeführt werden. Die Arztpraxen handeln dabei nicht im Auftrag des Impfzentrums Rosenheim – bei Fragen zur Impfung gegen das Coronavirus in einer Arztpraxis wenden Sie sich daher bitte direkt an Ihren Hausarzt.

 

Es werden nun auch explizit jüngere impfwillige Bürgerinnen und Bürger gebeten, sich für die Impfung gegen COVID-19 im Impfzentrum unter https://impfzentren.bayern zu registrieren. Besteht ausnahmsweise keine Möglichkeit zur Internetnutzung, ist auch eine telefonische Registrierung bei der Impfhotline unter der Rufnummer 08031 365 8899 möglich. Die bayerische Software errechnet automatisch nach bestimmten Algorithmen die Priorisierung gemäß der jeweils geltenden Coronavirus-Impfverordnung anhand der erfolgten Angaben des Bürgers. Das Impfzentrum oder das Gesundheitsamt können hierauf keinen Einfluss nehmen. Bitte sehen Sie daher von Anfragen zur Höherpriorisierung oder vorgezogenen Impfungen an das Impfzentrum oder das Gesundheitsamt ab. Neben dem jeweiligen Alter werden von der Software auch berufliche und medizinische sowie Einrichtungsindikationen entsprechend berücksichtigt. Der Zeitpunkt der Registrierung bzw. die Wartezeit hat keinen Einfluss auf die Priorisierung.

 

Fallzahlenentwicklung

Seit dem letzten Wochenbericht mit Stand vom vergangenen Freitag wurden dem Gesundheitsamt 468 neue Fälle (letzte Woche: 417) für Stadt und Landkreis Rosenheim gemeldet. Bisher sind insgesamt 16.280 Fälle von COVID-19 in Stadt und Landkreis Rosenheim aufgetreten (Landkreis: 12.721, Stadt: 3.559). Mittlerweile wurde bei mindestens 14.477 Personen eine Genesung dokumentiert. 504 Personen (494) sind bis zu diesem Zeitpunkt an der Erkrankung gestorben (Landkreis: 446, Stadt: 58). Von den Verstorbenen waren 19 (17) Personen unter 60 Jahren. 342 (338) Verstorbene waren über oder gleich 80 Jahre alt. Dem Gesundheitsamt wurden zehn Personen (4) gemeldet, die seit dem letzten Wochenbericht verstorben sind. Hiervon waren 4 Personen über oder gleich 80 Jahren und 4 Personen zwischen 60 und 80 Jahren. Keiner dieser Verstorbenen war in einem Heim betreut worden.

Bislang wurden dem Gesundheitsamt 1.993 Fälle (Landkreis 1.508, Stadt 485) (1.677) einer bestätigten besorgniserregenden Variante gemeldet. In einem Fall handelt es sich um die südafrikanische Variante (B1.351), über den bereits berichtet wurde, in allen anderen Fällen um die britische (B.1.1.7). Hiervon wurden dem Gesundheitsamt seit dem letzten Wochenbericht 316 Fälle gemeldet. Alle Fälle sind bei der Gesamtfallzahl von COVID-19-Fällen enthalten.

92 (91) COVID-19-Patienten werden aktuell in Stadt und Landkreis Rosenheim stationär behandelt. Hiervon befinden sich 20 Patienten (19) auf einer Intensivstation.

Die 7-Tage-Inzidenz (Fälle pro 100.000 Einwohner während der letzten 7 Tage) liegt aktuell für die Stadt Rosenheim bei 173,09 (132,18), für den Landkreis Rosenheim bei 136,99 127,43).

 

Übersicht über Infektionsumfeld und Testanlass für den Zeitraum 16. bis 22. April bei neu gemeldeten Fällen:

 

Die Neuansteckungen in den Gemeinden: